Behandlung der MS

1)

Akutbehandlung der Multiplen Sklerose

2)

Immunsupression

3)

Immunmodulation

4)

Alternative Therapien

5)

Symptomatische Therapien

6)

Begleitende Therapien

6.1)

Klima-Therapie

6.2)

Feldenkrais-Therapie

6.3)

Hippo-Therapie

6.4)

Biomechanische Stimulation

6.5)

Bioenergietherapie

6.6)

Cranio-Sacral-Therapie

6.7)

Qi Gong

6) Begleitende Maßnahmen bei Multipler Sklerose

Es gibt eine ganze Reihe von begleitenden Maßnahmen, die die verschiedensten Auswirkungen der Erkrankung zum mindesten vorübergehend mildern können. Diese begleitenden Maßnahmen wollen wir Ihnen in der Folge vorstellen.

1. Klima-Therapie
2. Feldenkrais
3. Hippo-Therapie
4. Biomechanische Stimulation
5. Bioenergietherapie
6. Cranio-Sacral-Therapie
7. Qi Gong

6.1) Zur Klima-Therapie der Multiplen Sklerose

Heinrich Hiltermann

In den letzten zusammenfassenden Abhandlungen über die Encephalomyelitis disseminata oder Multiple Sklerose (MS) wird der Epidemiologie auffallend breiter Raum zugestanden (5, 6).  So ergibt z. B. auch die Zusammenfassung der in deutscher Sprache zugänglichen Schrift des Office of Health Economics (6) für 71 Gebiete in 27 Ländern für die nördliche Hemisphäre folgendes Verteilungsmuster:

 

Krankheitsfälle auf 100000 Einwohner

 

 

 

 

 

 

60 - 65°

Breite

68

 

 

50 - 59°

Breite

70

 

 

40 - 49°

 

33

 

 

30 - 39°

 

6

 

 

bei 20°

 

2

 

 

bei 18°

 

2

 

 

bei   9°

 

0

 

 

 

 

 

 

Tabelle 1

Eine grundsätzlich ähnliche, wenn auch weniger eindrückliche Gesetzmäßigkeit zeigt auch die südliche Hemisphäre.
Diese auffällige geographische Verteilung der Multiplen Sklerose ist eine der auffallendsten und möglicherweise bedeutendsten Momente bei dieser Krankheit (6).

Nun ist es natürlich nicht sinnvoll, obige relative Zahlenwerte direkt auf eine spezielle Region zu übertragen.  Einzelne Gebiete für sich genommen, können sogar davon erhebliche Abweichungen zeigen.  Denn die geographische Breitenlage allein bestimmt nicht das Klima. Hier spielen die Höhe über NN, die Entfernung vom Meer und die Lagebeziehung zu Höhe und Form umgebender Berge eine entscheidende Rolle. Dazu kommen für biomedizinische Fragen noch die Dichte der Besiedlung und die Bewaldung.

Als zuverlässiger Indikator für das in einem bestimmten Gebiet vorherrschende Klima hat sich die Pflanzenwelt erwiesen.  Aus diesem Grunde erfaßte der Hohenheimer Geobotaniker WALTER (8, 9) in 40jähriger Arbeit die Floren-Reiche aller Klimazonen der Welt und stellte sie in etwa 8000 ökologischen Klima-Diagrammen dar.  Nachfolgend soll versucht werden, dieses einmalige, von ihm und H. LIETH herausgegebene Kartenwerk den Fragen einer Klima-Beeinflussung der MS zugrunde zu legen. (Ich bin Professor WALTER für Kritik und wichtige Hinweise zu großem Dank verpflichtet.)

Abbildung 1: Klimadiagramme von sechs Orten, die in Tabelle 2 genannt werden.  Die obere Reihe gibt Orte mit besonders häufig auftretenden MS-Erkrankungen (nach WALTER und LIETH)

Das Klima ist das Ergebnis des Zusammenwirkens verschiedener meteorologischer Faktoren. Erst die Integration der messbaren Daten ermöglicht deren Anwendung für biomedizinische Fragen.  H. WALTER fand als günstigste Darstellung ein Diagramm, worin Temperatur und Niederschläge mit gleichen Maßeinheiten in einer einzigen Tabelle graphisch dargestellt werden.  So bietet er 20 verschiedene meteorologische Daten an (9), die man seinen Diagrammen entnehmen kann.  Diese Zahl lässt sich für bestimmte Fragestellungen noch erweitern.

Nach meinen bisherigen Erfahrungen scheinen für die MS-Epidemiologie folgende Daten brauchbar zu sein:

  1. Die mittlere Jahres-Temperatur
  2. Die Zahl der "mäßig warmen Tage", d. h. der Tage mit einer mittleren relativen Tages-Temperatur über 10°C
  3. Die Zahl der "warmen Tage", d. h. der Tage mit einer mittleren relativen Tages-Temperatur über 20°C
  4. Die Wochenzahl einer relativ regenarmen Zeit, hier vereinfachend benannt als "Dürrezeit" und
  5. die Wochenzahl einer relativ "humiden Zeit"

In den als Beispiel in Abb. 1 wiedergegebenen ökologischen Klima-Diagrammen von WALTER und LIETH (8) steht die mittlere Jahres-Temperatur oben rechts.  Die Zahl der "mäßig warmen" und "warmen" Tage wird durch die Länge der Linien in Höhe der beiden untersten Maßeinheiten gegeben, das sind

  • 20°C (40 mm)
  • 10°C (20 mm)

Die Länge der relativen "Dürrezeit" (punktierte Fläche) und der relativen "humiden Zeit" (senkrecht schraffierte Fläche) lässt sich auf der in 12 Monate geteilten Basislinie ablesen.  Wenn die mittleren monatlichen Niederschläge 100 mm überschreiten, z. B. bei LERWICK, so werden sie in einem auf 1/10 reduzierten Maßstab auf die schraffierte Fläche aufgesetzt.  Die Zahl oben rechts gibt die mittlere jährliche Niederschlagsmenge in Millimetern an.  Die dünne, nach oben

ausgebeulte Kurvenlinie stellt die mittleren Monats-Temperaturen dar, wobei ein Skalenteil = 10 'C ist. Die etwas dickere, meist unregelmäßig gezackte Kurvenlinie gibt die mittleren monatlichen Niederschläge wieder (1 Skalenteil = 20 mm Niederschlag). Die schwarzen und die breit gestreiften schmalen Rechtecke unter der Basislinie und die links daneben stehenden Zahlen repräsentieren die Zeiten mit Temperaturen unter O°C.

Unter Benutzung der in den ökologischen Klimadiagrammen von WALTER und LIETH (8) gegebenen Daten wurde Tabelle 2 aufgestellt, die für 20 Städte, für jeden Ort getrennt, 5 Messdaten angibt.

Krankh.

 

Jahres-

mittl.Tag.-Temp.

Dürre

humide

 

Fälle

 

temp.

>10°C

>20°C

zeit

Zeit

 

 

 

 

 

Tage

Tage

Wochen

Wochen

 

129

 

Lerwick / Shetlands

7,1°C

96

0

0

52

 

120

 

Göteborg / Schweden

7,7°C

141

0

0

52

 

87

 

Prag

9,2°C

155

0

0

52

 

85

 

Berlin-Dahlem

8,4°C

110

0

0

52

 

82

 

Carlisle-Dumfries/ Engl.

8,6°C

140

0

0

52

 

80

 

Dublin / Irland

9,4°C

155

0

0

52

 

74

 

Köln

10,2°C

162

0

0

52

 

72

 

Hvanneyer / Island

2,9°C

36

0

0

52

 

70

 

Zürich

7,9°C

158

0

0

52

 

64

 

Vestervig / Dänemark

2,5°C

138

0

0

52

 

 

 

Durchschnittszahlen

8,3°C

129

0

0

52

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

4

 

Istanbul / Marmara

13,6°C

225

80

46

6

 

3

 

Port St. Jones / S.-Afrika

20,0°C

365

210

0

52

 

2

 

Fokuoka / Japan

14,9°C

200

110

0

52

 

2

 

Mexico City

15,6°C

365

0

47

5

 

2

 

Nidge / Anatolien

11,7°C

200

80

18

34

 

0

 

Florenz

14,4°C

250

105

8

44

 

0

 

Cannes

15,6°C

280

100

10

42

 

0

 

Barcelona

16,0°C

350

110

8

44

 

0

 

Puerto de Orotava /Ten.

19,7°C

365

180

28

24

 

0

 

St. Cruz de Tenerife

20,9°C

365

210

30

22

 

 

 

Durchschnittszahlen

18,2°C

297

119

20

33

 

Tabelle 2. Mittlere Jahres- und Tages-Temperaturen und trockene und feuchte Zeiten von 20 Orten, von denen WALTER & LIETH Klimadiagramme publizierten. Die Zahlen vor den Ortsnamen geben die festgestellten Erkrankungen je 100.000 Einwohner (Office of Health Economics, 1977)
Oben:  Orte der häufigsten MS-Erkrankungen
Unten:  Orte besonders seltener und fehlender MS-Erkrankungen

Hiernach erweist sich "mäßig warmes" Klima und eine mittlere relative Jahres-Temperatur von 16,2°C mit 297 "mäßig warmen" und 119 "warmen" Tagen als günstig für Patienten mit einer Multiplen Sklerose.

Die größte Häufigkeit an Krankheitsfällen ist dort gegeben, wo ein extrem ozeanisches kühles Klima herrscht mit einer mittleren Jahres-Temperatur von nur 8,3°C und mittleren Tages-Temperaturen, die unter 20°C liegen.

In vereinfachter Form lassen sich diese Werte für das Auftreten der MS auch wie folgt darstellen:

Mit den derzeitig verfügbaren Unterlagen kann die Höhe der ÄquivalenzTemperatur (1, 2) noch nicht für die hier behandelten Fragen angewandt werden.

 

 

Günstiges Klima

ungünstiges Klima

 

Mittlere Jahres-Temperatur

+/- 16,2°C

+/- 8,3°C

 

 

„mäßig warme Tage“, d.h. relative mittlere Tages-Temperatur > 10°C

 

+/- 297 Tage

 

+/- 129 Tage

 

 

„warme Tage“, d.h. relative mittlere Tages-Temperatur > 20°C

 

+/- 119 Tage

 

fehlen

 

 

„Dürrezeit“

 

+/- 20 Wochen

 

fehlt

 

 

„humide Zeit“

 

 

+/- 33 Wochen

 

ständig

Tabelle 3: Zusammenstellung der in Tab. 2 gegebenen Durchschnittszahlen

Um 1960 machte der selber an einer Encephalomyelitis disseminata erkrankte schwedische Tierarzt Dr. RYLANDER die Erfahrung, dass sein Leiden durch das Schonklima von Los Cristianos am Südrand von Tenerife positiv beeinflußt wurde, was zur Gründung der Casa sueca und des nachfolgenden MS-Sanatoriums Wintersol mit etwa 50 Betten führte.  Seine Erfahrungen sind seither in Los Cristianos von ungezählten Kranken bestätigt worden.  Leider liegen von dort bis jetzt kaum meteorologische Beobachtungen vor.  Nach HUETZ und LEMPS (3) weicht das dortige Klima erheblich von dem für Tenerife bekanntesten Erholungsgebietes um Puerto ab.  Die Bedeutung dieser unterschiedlichen Klima-Regionen zeigen die grundsätzlich verschiedenen Vegetationszonen, die von dem fruchtbaren Orotava-Tal über den Lorbeerwald bis zu der Halbwüste des Südostens der Insel reichen.  Einwandfreie Unterlagen hierfür gibt die Pflanzensoziologie und -phänologie, die von Prof.  Wolfredo WILDPRET de la TORE an der Universität von La Laguna vertreten wird.

Nach alldem hat nur ein sehr schmaler Küstenstreifen beiderseits von Los Cristianos ein wirklich ausgeglichenes Klima. Die übrigen Gebiete sind den täglichen Passatwinden stärker ausgesetzt, deren Wirkung bei Los Cristianos reduziert und gesteuert wird durch die kleineren Vulkanberge, die den Ort im Westen, Norden und Osten umgeben.  Nebelbildungen und Abfall der Temperatur fehlen.  Die vom Anaga-Gebirge über den Teide (3718 m) bis zum Teno-Gebirge ziehenden Vulkanberge bilden eine wirksame Wetterscheide.  Nur im Süden kann sich der Einfluss des Anti-Passates und trockener, aus Afrika kommender Winde auswirken.  Aber auch diese werden hier durch die aufsteigende Meeres-Feuchtigkeit abgeschwächt.  Das gilt ebenso für die Sonnenstrahlung, die infolge der niedrigen Breitenlage von 28°N langfristig auf den Organismus einwirkt und nur eine relativ dünne Luftschicht zu durchdringen hat.

Wie E. OBERDORFER (7) zeigen konnte. liegen von vegetationskundlicher Seite aus sichere Unterlagen für die Beurteilung der bioklimatischen Sonderstellung des Gebietes um Los Cristianos vor.  Zollikoferia (Launacea) spinosa ist hier die Charakterpflanze einer Pflanzengesellschaft, begleitet von Zygophylium fontanesii und Su aeda vermiculata.  Die Böden dieser "nordafrikanischen Halbwüste" sind überwiegend offen und vegetationslos. Hier in der Zollikoferia-Halbwüste ist zweifellos ein einschneidender Klima-Schwellenwert erreicht, der wüstenhafte Bedingungen auslöst (7)

Zusammenfassend kann man für Multiple Sklerose-Kranke als günstigste klimatische Faktoren bezeichnen:

  1. Beständige, wärmere Temperaturen mit geringer Abkühlungsgröße
  2. Fehlen von tropischer Hitze und Wärmestau
  3. Vermehrte, aber nicht zu intensive Sonnenstrahlung
  4. Zurücktreten von kühleren Regenzeiten und wahrscheinlich auch
  5. Fehlen von längeren Frostperioden

Die Wintersonne von Los Cristianos wird von vielen MS-Kranken als wohltuend, ja sogar helfend empfunden.  Es könnte sich hierbei um die Hypophysen-Stimulation zur natürlichen Bildung von ACTH und damit der Kortikoide der Nebennierenrinde handeln.

Aus diesem Grunde wäre zu wünschen, die dortigen Möglichkeiten aus neurologisch-biometeorologischer Sicht zu prüfen und ggf. zu nutzen, zumal es sich bei der Encephalomyetis disseminata um ein Leiden handelt, für das kaum geeignete therapeutische Hilfen zur Verfügung stehen.

Literaturverzeichnis

  1. FAUST, V.: Biometeorologie, 2. Auft., Hippokrates Verlag, Stuttgart, 1978
  2. HARLFINGER, O.: Vergleichende Untersuchungen der physiologischen Wärmebelastung zwischen Mitteleuropa und den Mittelmeerländern, Meteorol. Geoph. Bioklimat. 23, H. 1-2
  3. HUETZ DE LEMPS, A.: Le climat des Iles Canaries, Publ. Fac. Let. Sc. Hum. Paris - Sorbonne, Ser. Recher. 54
  4. LANDSBERG, H. E.: Die Verteilung der Sonnen- und Himmelsstrahlung auf der Erde (in) LANDSBERG et al.: Weltkarten zur Klimakunde, 1963, 5-6 Springer, Heidelberg, 1963
  5. Mc ALPINE et al.: Multiple Sklerosis, 2. ed., Livingstone, 1972
  6. Multipie Sklerose: Hrsg. vom Office of Health Economics, Dt. Übersetzung von Gabriele KEPPLER,1. Aufl., Schattauer, Stuttgart, 1977
  7. OBERDORFER, E.: Pflanzensoziologische Studien auf Teneriffa und Gomera (Kanarische Inseln), Beitr. naturk. Forsch.  SW-Deutschlands, 24, 47-104, Karlsruhe, 1965
  8. WALTER, H. und LIETH, H.: Klimadiagramm-Weitatlas, Jena,1960-1967
  9. WALTER, H.: Vegetationszonen und Klima, 3. Aufl., Univ. Taschenbücher 14, Ulmer, Stuttgart, 1977

Anmerkung:

Der Verfasser, Herr Prof, Dr. phil. Heinrich Hiltermann ist inzwischen verstorben. Er war wiss. Direktor der Bundesanstalt für Bodenforschung Hannover und apl. Professor der Universität Göttingen.

Bisher sind uns keine neuen Veröffentlichungen bekannt, die sich mit dem Zusammenhang von Klima und Multipler Sklerose befassen. Der Einfluss des Klimas auf andere Erkrankungen, z. B. Neurodermitis ist des Öfteren beschrieben.

Ersteinstellung: 15. Juni 1999
Eine Überarbeitung erfolgt nur dann, wenn neuere Erkenntnisse bekannt werden!