Behandlung der MS

1)

Akutbehandlung der Multiplen Sklerose

2)

Immunsupression

3)

Immunmodulation

3.1)

Beta-Interferon Ia

3.2)

Beta-Interferon Ib

3.3)

Glatiramer Acetat (Copaxone)

3.4)

Immunglobuline

3.5)

T-Zell-Vakzination

4)

Alternative Therapien

5)

Symptomatische Therapien

6)

Begleitende Therapien

3) Immunmodulierende Therapien

Allgemeines zu immunmodulatorischen Therapien

Als im Jahre 1997 die Behandlung der Multiplen Sklerose mit Interferonen begann, wollte man offensichtlich dem schlechten Image der Immunsuppression entfliehen und sprach nun in diesem Zusammenhang nur noch von Immunmodulation, obwohl jede Veränderung im Immunsystem eine Modulation ist, also auch die Immunsuppression. Inzwischen hat sich der Begriff fest etabliert und wir verstehen darunter den gezielten und spezifischen Eingriff in das Immunsystem, um die gestörte Abwehrreaktion bei der MS günstig zu beeinflussen.

Erreicht werden sollen:

  • eine Reduktion der Schubrate
  • eine Verminderung der Schubschwere
  • eine Verminderung des Fortschreitens der Behinderung
  • eine Beeinflussung der Veränderungen in der Kernspintomographie
  • (Gehirn und Rückenmark)

Auf den folgenden Seiten werden die Therapien besprochen mit den Medikamenten:

3.1) Beta-Interferon Ia (Avonex, Fa.  Biogen) (Rebif, Fa. Serono)

Interferone der verschiedenen Typen werden im menschlichen Organismus produziert; sie schützen andere Zellen vor Virusinfektionen und sie spielen auch in der Immunregulation eine komplexe Rolle. Der Grund, warum man den Einsatz von Interferonen in der Therapie der MS erwogen hatte, lag in der Annahme, dass Virusinfektionen bei der Entstehung der MS eine entscheidende Rolle spielen, auch wenn diese Annahme sich bis heute nicht bestätigen ließ.
Da es schwierig ist, natürliche Interferone in großen Mengen herzustellen, werden die meisten in der Medizin verwendeten Interferone gentechnisch hergestellt. So auch das Beta-Interferon Ia, das gentechnisch aus Tierzellen hergestellt wird..

Die Zulassung der Präparate erfolgte für Avonex 1996 in den USA und 1997 in Deutschland,  Rebif wurde in Deutschland im Jahre 1998 zugelassen.

Die Wirkung wird folgendermaßen beschrieben:

  • Avonex:
    • Reduktion der jährlichen Schubrate um 32 %, dieses Ergebnis wird als signifikant bezeichnet.
    • Reduktion der Zahl Kontrastmittelaufnehmender Herde im Kernspin um 52%, ebenfalls signifikant
    • weniger ausgeprägte Zunahme der Behinderung nach 2 Jahren, signifikant
  • Rebif:
    • Reduktion der Schubrate nach 1 Jahr um 29% und nach 2 Jahren um 32%, auch hier spricht man von Signifikanz
    • Erhöhung des Anteils schubfreier Patienten nach 1 Jahr, signifikant
    • erlängerung der Zeit bis zum nächsten Schub, ebenfalls signifikant
    • Reduktion der Zahl Kontrastmittelaufnehmender Herde im Kernspin, signifikant
Nebenwirkungen
  • Bei intramuskulärer Injektion Entzündungsreaktion an der Einstichstelle bei 12% der Patienten
  • Grippe-ähnliche Symptome in ca. 60% der Fälle, vor allem in den ersten 3 Monaten, mit Fieber in ca. 23% der Fälle, und Schüttelfrost in 21 % der Fälle
  • Bildung neutralisierender Antikörper bei 22% der Patienten innerhalb von 2 Jahren, genaue klinische Bedeutung noch unklar.

Im Jahre 1999 kamen die Ärztlichen Beiräte der DMSG und der Österreichischen und Schweizerischen MS-Gesellschaften, die sich zu der so genannten "Multiple-Sklerose-Therapie- Konsensus-Gruppe" (MSTKG) zusammengeschlossen hatten, zu der Empfehlung, möglichst frühzeitig eine Dauertherapie  mit Beta-Interferonen einzuleiten, um den langfristigen Krankheitsverlauf günstig zu beeinflussen.

Am 15. Februar 2003 erschien im "Lancet" das Ergebnis einer Untersuchung der Wirksamkeit der Alpha- und Beta-Interferone. Die Autoren Graziella Filippini und ihre Mitarbeiter hatten alle publizierten randomisierten und plazebokontrollierten Studien bei der schubförmigen MS einer genauen Auswertung unterzogen. Sie kommen darin zu dem Schluss, dass durch die große Anzahl von Studienabbrechern, die in den Auswertungen der Interferon-Studien nicht berücksichtigt wurden und über die alle Daten fehlen, das Ergebnis der Studien "geschönt" ist. Wenn sich die Abbrecher auf die beiden Gruppen (Interferon und Placebo) gleichmäßig verteilen ("wahrscheinliches Szenario"), gibt es für die Interferone zwar noch ein geringfügig günstigeres Ergebnis, aber der Unterschied ist dabei so gering, also nicht mehr signifikant, so dass eine breite Anwendung der Interferone zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu rechtfertigen ist. Kritisiert wird in der Meta-Studie auch, dass es "eine verheerende Entwicklung ist, wenn die beteiligten Pharmaunternehmen Einfluss auf die Auswertung nehmen oder die Veröffentlichung unbequemer Ergebnisse verhindern können."

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3.2) Beta-Interferon lb (Betaferon, Fa. Schering)

Interferone der verschiedenen Typen werden im menschlichen Organismus produziert; sie schützen andere Zellen vor Virusinfektionen und sie spielen auch in der Immunregulation eine komplexe Rolle. Der Grund, warum man den Einsatz von Interferonen in der Therapie der MS erwogen hatte, lag in der Annahme, dass Virusinfektionen bei der Entstehung der MS eine entscheidende Rolle spielen, auch wenn diese Annahme sich bis heute nicht bestätigen ließ.

Da es schwierig ist, natürliche Interferone in großen Mengen herzustellen, werden die meisten in der Medizin verwendeten Interferone gentechnisch hergestellt. So auch das Betaferon, bei dessen Herstellung Bakterien mitspielen.

Nach vorangegangenen 2 kleineren Studien veranlasste die Firma Schering in den USA eine Multicenterstudie, die Anfang 1993 als Ergebnis zeigte, dass hochdosierte Interferon-Beta-Gaben die Schubrate um ein Drittel verringern konnte. Daraufhin wurde das Medikament in den USA zugelassen; die Zulassung in Deutschland datiert aus dem Jahre 1996.

Die Wirkung wird von den behandelnden Ärzten so beschrieben:

  • Senkung der jährlichen Schubrate um ca. 34%; diese Senkung wird als signifikant angesehen.
  • Minderung der Schubschwere. Hier wird ebenfalls von Signifikanz gesprochen
  • Abnahme der kernspintomographisch nachweisbaren Krankheitsaktivität im Gehirn, ebenfalls signifikant
  • geringere Zunahme des Behinderungsgrades nach EDSS, Trend, nicht signifikant

Die Wirkung tritt laut Studienergebnis ca. 6-8 Wochen nach Therapiebeginn ein; sie beruht auf der Blockierung von Interferon-Gamma, der verbesserten Funktion der Suppressorzellen und der Minderung der Lymphozytenwanderung.

Nebenwirkungen:

  • Entzündungsreaktionen an der Einstichstelle bei ca. 85% der Patienten in den ersten 3 Monaten, in 1-3% auch schwerwiegend (Nekrosen)
  • Grippeähnliche Symptome in ca. 75% der Fälle vor allem in den ersten 3 Monaten, Fieber in ca. 60% der Fälle, Schüttelfrost in ca. 46% der Fälle
  • Bildung neutralisierender Antikörper bei ca. 35% der Patienten innerhalb von 3 Jahren, die genaue Bedeutung der Antikörper ist aber noch unklar möglicherweise gehäuftes Auftreten von Depressionen.

Am 15. Februar 2003 erschien im "Lancet" das Ergebnis einer Untersuchung der Wirksamkeit der Alpha- und Beta-Interferone. Die Autoren Graziella Filippini und ihre Mitarbeiter hatten alle publizierten randomisierten und plazebokontrollierten Studien bei der schubförmigen MS einer genauen Auswertung unterzogen. Sie kommen darin zu dem Schluss, dass durch die große Anzahl von Studienabbrechern, die in den Auswertungen der Interferon-Studien nicht berücksichtigt wurden und über die alle Daten fehlen, das Ergebnis der Studien "geschönt“ ist. Wenn sich die Abbrecher auf die beiden Gruppen (Interferon und Placebo) gleichmäßig verteilen ("wahrscheinliches Szenario"), gibt es für die Interferone zwar noch ein geringfügig günstigeres Ergebnis, aber der Unterschied ist dabei so gering, also nicht mehr signifikant, so dass eine breite Anwendung der Interferone zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu rechtfertigen ist. Kritisiert wird in der Meta-Studie auch, dass es "eine verheerende Entwicklung ist, wenn die beteiligten Pharmaunternehmen Einfluss auf die Auswertung nehmen oder die Veröffentlichung unbequemer Ergebnisse verhindern können."

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3.3) Glatiramer Acetat (Copaxone) der Firma TEVA

Glatiramer Acetat (früher Copolymer-1 genannt) ist ein synthetisches Tetrapeptid aus 4 Aminosäuren. Es hat einige immunologische Vergleichbarkeiten mit dem basischen Myelinprotein (MBP). Die Ergebnisse im Tierversuch, bei denen sich herausstellte, dass Glatiramer Acetat den Ausbruch der EAE  verhindert, - EAE ist die künstlich bei Tieren hervorgerufene Krankheit, die in ihren Symptomen der MS beim Menschen am nächsten kommt - führte zu Doppelblind- Studien.
Eine große Zweijahresstudie in den USA an Patienten mit schubförmigem MS-Verlauf zeigte eine um 29 % reduzierte Schubrate (bezogen auf ein Jahr),  Auch blieben einige Patienten schubfrei bzw. die durchschnittliche Zeitdauer bis zum Auftreten eines neuen Schubes vergrößerte sich. Es konnte kein signifikanter Beweis für eine Wirkung auf das Fortschreiten der Behinderung gefunden werden.

Die Patienten in dieser Studie wurden über 8 Jahre untersucht. Obwohl Beobachtungen während dieser Zeit wegen der hohen Ausfallrate kompliziert sind, zeigte sich den Veröffentlichungen zufolge, dass die klinische Wirksamkeit von Glatiramer Acetat erhalten blieb.
Als Nachteil von Copaxone® gilt, dass es im Vergleich zu den Betainterferonen einmal täglich unter die Haut gespritzt werden muss, allerdings sind die Nebenwirkungen geringer. An erster Stelle sind lokale Reaktionen an den Einstichstellen in Form von Schwellung, Juckreiz bzw. Entzündung und Verhärtung zu nennen. Selten kommt es unmittelbar nach der Injektion zur sog. Postinjektionsreaktion (SPIR) mit Gesichtsrötung, Herzjagen und Angstgefühlen, die jedoch nur wenige Minuten anhält.

Nachdem in mehreren Studien gezeigt wurde, dass Glatirameracetat die Schubrate und nach Kernspintommogramm-Berichten auch die Zahl neuer Herde senkt, wurde das Medikament 1996 in den USA und 2001 in Deutschland zugelassen.

In seiner bisher letzten Veröffentlichung vertrat das IFMSS Therapeutic Claims Committee noch die Meinung, dass Glatiramer Acetat eine wertvolle Alternative zur Interferonbetatherapie für Patienten mit aktiver schubförmiger MS biete.  

Nun wurden aber alle randomisierten und placebokontrollierten Studien zu Copaxone® kürzlich von der unabhängigen Cochrane Collaboration noch einmal kritisch unter die Lupe genommen und die Ergebnisse in einem Übersichtsartikel veröffentlicht.  Dabei wurden die Daten von 646 Patienten mit klinisch sicherer MS berücksichtigt. Leider kommen die Autoren abschließend zu einem wenig ermutigenden Urteil:

„Es konnte kein günstiger Effekt von Glatirameracetat auf die Krankheitsprogression nachgewiesen werden, und das Medikament verringert das Risiko von Schüben nur unwesentlich. Darum kann der Routineeinsatz in der klinischen Praxis derzeit nicht empfohlen werden.“

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3.4) Intravenös verabreichte Immunglobuline (IVIG)

Intravenöses Immunglobulin (IVIG) ist humanes Immunglobulin; es soll über verschiedene Mechanismen das Immunsystem beeinflussen.

Eine große österreichische, über 2 Jahre angelegte Multicenterstudie mit niedrig dosiertem intravenös verabreichtem Immunglobulin zeigte, dass IVIG einen signifikanten, wenn auch geringfügigen Nutzen auf die EDSS-Punktwerte erbrachte. Außerdem wurde die Schubrate um etwa die Hälfte reduziert, ohne dass ein deutlicher Effekt auf den Schweregrad der Schübe ersichtlich wurde. Es ist bedauerlich, dass in dieser Studie die „Blindung“ nicht optimal war, und dass dadurch möglicherweise die Studienergebnisse beeinflusst wurden. Leider wurden keine MR-Untersuchungen zur Bestätigung der EDSS-Veränderungen durchgeführt.

In einer anderen Studie konnte die Wirksamkeit höherer Dosen von IVIG auf die MR-Aktivität nachgewiesen werden. Während dieser Studie verließ eine große Zahl von Probanden wegen erheblicher Nebenwirkungen die Studie.

In einer israelischen Doppelblindstudie an Patienten mit schubförmiger MS  konnte die Reduzierung der jährlichen Schubrate um etwa 40% nachgewiesen werden und es zeigte sich auch eine Wirkung auf der EDSS-Skala.

Kürzlich wurde in Kanada und Europa eine große Multicenterstudie mit IVIG bei sekundär progredienter MS abgeschlossen, die gänzlich negative Resultate ergab.
Schwere Nebenwirkungen der IVIG-Behandlung sind selten, dazu gehören aseptische Hirnhautentzündung (Meningitis), Niereninsuffizienz, Virusinfektionen, Hautekzeme, Kopfschmerz, Übelkeit, Fieber und allergische Reaktionen.

Zusätzlich zum immunregulatorischen Effekt  lassen einige Studien annehmen, dass IVIG auch die Remyelinisation fördern könnte. Kleinere klinische Studien an der Mayo Klinik in Amerika stützen die Hypothese allerdings nicht, dass IVIG lange Zeit bestehende neurologische oder visuelle Defizite rückgängig machen könnte.

Nach Auffassung des IFMSS Therapeutic Claims Committee sind die Ergebnisse der vorliegenden Studien ermutigend. Bevor klare Behandlungsempfehlungen abgegeben werden können, sollten aber die Ergebnisse verschiedener in Gang befindlicher Studien abgewartet werden, welche untersuchen wollen, ob und in welcher Dosierung IVIG die Schubrate verringert, die Krankheitsprogression verlangsamt oder die Erholung fördert. Deshalb wird diese Behandlung zur Zeit nicht außerhalb von Studien empfohlen.

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3.5) T-Zell-Vakzination, eine weitere Perspektive

Auch wenn es keine ganz schlüssigen Beweise dafür gibt, dass die T-Zellen bei der Multipler Sklerose einzigartig verändert sind, wurden Pilotstudien durchgeführt, bei welchen MS-Patienten aus dem Blut diese speziellen T-Zellen herausgenommen wurden. Diese Zellen wurden dann bestrahlt und somit abgeschwächt. Mit diesen bestrahlten T-Zellen, die auf das basische Myelinprotein (MBP) reagieren, wurden die Probanden dann geimpft. Dieser "Impfstoff" soll spezifisch diejenigen T-Zellen ausschalten, die die Multiple Sklerose hervorrufen sollen. Größere klinische Studien wurden kürzlich in den Vereinigten Staaten und in Europa begonnen.

Das IFMSS Therapeutic Claims Commitee kam zu dem Schluss, dass diese Therapie zwar einleuchtend ist, aber dass bisher weder hinsichtlich der Sicherheit noch der Wirksamkeit Untersuchungsergebnisse vorliegen.


Zusammengestellt von Hans Derichs aus folgenden Veröffentlichungen:

  1. Dr. med. Chr. Pilz: "Neue medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten der Multiplen Sklerose", Blickpunkt 3/98
  2. Dr. med. Chr. Pilz: "Aktueller Stand und Perspektiven der immunmodulierenden Therapie bei Multipler Sklerose", Blickpunkt 3/02
  3. Olaf Hebener: "Fundamente der Hoffnung, Theorie und Therapie der Multiplen Sklerose", The World of Books Ltd, ISBN 3-932977-02-5
  4. William A. Sibley, M.D.: "Therapien der Multiplen Sklerose", Neuauflage (2002)
  5. Wolfgang Weihe: "Meta-Analyse stellt Wirksamkeit der Betainterferone in Frage", Blickpunkt 2/03
  6. Wolfgang Weihe: "Multiple Sklerose", Aus Wissenschaft und Forschung, ISBN 3-933378-00-1)

Ersteinstellung: 15. Juni 2005
Zuletzt überarbeitet: 20. April 2006

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