2) Langzeitbehandlung mit Immunsuppressiva
Immunsuppressive Therapien nennt man solche Behandlungsmaßnahmen,
bei denen die immune Abwehrfähigkeit des Organismus unterdrückt wird.
Die eingesetzten Mittel sind ursprünglich für die Krebsbehandlung bzw.
für die postoperative Behandlung bei Organtransplantationen entwickelt worden.
Ihr Einsatz bei der Multiplen Sklerose wurde von dem Gedanken getragen, dass man
das Fortschreiten der Krankheit dadurch beeinflussen könne, dass man die Blutzellen
auf ein Minimum verringert, die an der Schädigung der Myelinschicht beteiligt sind
(z. B. Lymphozyten, T-Helfer-Lymphozyten). Inzwischen ist bekannt, dass das Verhältnis
von Nebenwirkungen bzw. Risiken zum Nutzen unstimmig ist.
Alle diese Therapien zeigen sehr ernsthafte Nebenwirkungen und sind deshalb nach
Ansicht vieler namhafter Mediziner für die Behandlung der Multiplen Sklerose nur
sehr eingeschränkt geeignet.
Im folgenden werden die Therapien besprochen mit den Medikamenten:
Azathioprin, synthetisch hergestellt, wird seit mehr als 25 Jahren in der Behandlung
der MS verwendet; es wurde ursprünglich für die Krebsbehandlung entwickelt.
Seine Wirkung ist die Hemmung der Zellteilung. Leider lässt sich die Wirkung
des Azathioprin nicht auf bestimmte Zellen beschränken; es wirkt auf alle Zellen des
Organismus. Azathioprin ist also sehr wirkungsvoll in der Unterdrückung des gesamten
Immunsystems. Es vermag sehr wirksam die EAE zu unterdrücken. EAE ist die
künstlich bei Tieren hervorgerufene Krankheit, die in ihren Symptomen der MS beim
Menschen am nächsten kommt.
Zwei Studien mit Azathioprin zeigten am Ende nur geringe Unterschiede zwischen den Patienten,
die Azathioprin erhielten und den Placebo-Patienten. Vier weitere Studien zeigten als Ergebnis,
dass Azathioprin das Fortschreiten der Behinderung zwar verlangsamt, - am deutlichsten soll
dies nach fünf bis zehn Jahren nachzuweisen sein, - dass die Schubhäufigkeit aber
nicht beeinflusst wird. Alle diese Studien erfüllten aber nicht die Anforderungen, die an
moderne Studien gestellt werden. Auch lassen die Beobachtungen einiger Ärzte Zweifel an einem
Langzeiterfolg zu.
Bei der Anwendung von Azathioprin kann es zu Blutbild-Veränderungen, Übelkeit und
Magen-Darm-Beschwerden kommen. Die bekannten Risiken sind: die Unterdrückung der
Knochenmarksneubildung, insbesondere der Bildung der weißen Blutkörperchen, die
Beeinflussung der Leberfunktion, Hautallergien. Umstritten ist das gehäufte Auftreten von
bösartigen Tumoren unter dieser Therapie. Bei Patientinnen, die schwanger werden
könnten, sollte auf die Anwendung von Azathioprin verzichtet werden. Azathioprin sollte
mindestens 12 Monate vor einer geplanten Schwangerschaft abgesetzt werden. Während der
ganzen Behandlungszeit ist eine sorgfältige Überwachung insbesondere der Blutwerte
der Patienten unerlässlich.
Das IFMSS Therapeutic Claims Commitee kam zu dem Schluss, dass diese Therapie von
beschränktem Nutzen ist, aber erhebliche Risiken mit sich bringt.
(nach oben)
Cyclophosphamid ist ein Zytostatikum und Metastasenhemmer; es wurde zur Behandlung
von Krebs entwickelt und es findet in der Organtransplantationsmedizin Verwendung.
Es greift in den Stoffwechsel der Zellen ein; es tötet die Lymphozyten ab und
führt dadurch zur Immunsuppression. In der Behandlung von MS wird es ebenfalls
seit vielen Jahren angewandt. Die bisher bekannten Studienergebnisse sind
widersprüchlich. In den Vereinigten Staaten wurden mehrere Studien
durchgeführt; die Ergebnisse waren unterschiedlich. In einer 1991 in Kanada
durchgeführten Studie fanden sich keine signifikanten Unterschiede zwischen
den mit Cyclophosphamid behandelten Patienten und den Placebo-Patienten.
Cyclophosphamid (Endoxan) hat enorme Nebenwirkungen, wie Blasenentzündung,
Übelkeit, Erbrechen, Haarausfall, Abfall der weißen Blutkörperchen
mit häufigen Infekten. Längerfristig kann es zu Sterilität und
Mutationen kommen; auch kann ein erhöhtes Krebsrisiko nicht ausgeschlossen
werden.
Nach den neueren kontrollierten Studien ist die weite Verbreitung dieser Art
der Behandlung bei der MS nach Ansicht des IFMSS Therapeutic Claims Committees
nicht zu rechtfertigen, weil Cyclophosphamid im allgemeinen bei MS-Patienten
wirkungslos ist. Wegen der erheblichen Nebenwirkungen sollte diese Behandlungsart
weiterhin als experimentell gelten.
(nach oben)
Methotrexat ist ebenfalls ein Zytostatikum; es wird synthetisch hergestellt.
Es stimuliert die Suppressorzellen, hemmt die DNA‑Synthese und die
Zellteilung. Es wir zur kurzzeitigen Behandlung bei rheumatoider Arthritis
eingesetzt. Es hat sich als wirkungsvoll zur Prävention der EAE, jener
künstlich im Tiermodell hervorgerufenen Krankheit, die in ihren Symptomen
der MS beim Menschen am nächsten kommt, gezeigt. Daraus schließt
man auf einen möglichen Nutzen bei der MS.
In einer in den frühen 70er Jahren durchgeführten Doppelblindstudie
bei MS mit 27 Patienten waren bei den mit Methotrexat behandelten Patienten keine
Besserungszeichen im Vergleich mit der Placebogruppe festzustellen. Auch eine neuere
kontrollierte Studie in Cleveland, USA konnte keine überzeugenden Ergebnisse zeigen.
Die häufigsten Nebenwirkungen sind: Reizung der Schleimhäute,
gelegentlich fortschreitend bis zu offenen Geschwüren und Störungen des
Magen-Darmtraktes. In einigen Fällen kommt es zu einer chemischen Hepatitis,
die eine Woche oder länger dauert und gelegentlich in eine Leberfibrose oder
-zirrhose übergeht.
Nach Auffassung des IFMSS Therapeutic Claims Committee weist diese Behandlungsart
einen gewissen beschränkten Nutzen bei der progredienten MS auf, weitere Studien
sind aber nötig. Die Behandlung mit niedrigen Dosen wird gut toleriert.
(nach oben)
Mitoxantron ist zur Behandlung von Brustkrebs und von bestimmten Leukämien
weit verbreitet, ist also ebenfalls ein Zytostatikum. Das Medikament wird
intravenös verabreicht. Mitoxantron zeigte sich in Versuchen als sehr wirksam
für die Unterdrückung der Tiermodellkrankheit EAE, wie die künstlich
im Tiermodell hervorgerufene Krankheit bezeichnet wird, die in ihren Symptomen der
MS beim Menschen am nächsten kommt. Ende der 80-Jahre wurde Mitoxantron in
der Behandlung von MS getestet; seine Wirkung beruht auf der Hemmung der T- und
B-Lymphozyten
Bei chronisch progredientem MS-Verlauf konnten in mehreren offenen Studien
Hinweise für eine verminderte klinische Progredienz festgestellt werden.
Kernspin-Untersuchungen zeigten widersprüchliche Ergebnisse.
Die am meisten gefürchtete und auch gefährlichste Nebenwirkung ist
die Herzschädigung. Ein weiteres Problem ist die Verminderung der Zahl
zirkulierender weißer Blutkörperchen und Blutplättchen. Zu
nennen sind aber auch die Gefahr des Ausfalls der Regelblutungen und
Zahnfleischentzündung.
Die sogenannte MIMS-Studie, die in Deutschland durchgeführt wurde, zeigte ein
Jahr nach der Therapie in den Kernspintomogrammen einen Rückgang und verminderte
Progression von Läsionen bei den mit Mitoxantron Behandelten. Daraus und aus den
Beobachtungen während der Behandlungszeit wird geschlossen, dass Multiple-Sklerose-
Patienten mit hoher Schubfrequenz und geringer Remissionstendenz oder mit rasch
fortschreitendem sekundär progredienten Verlauf von der Behandlung mit Mitoxantron
profitieren. Das Mittel ist inzwischen für diese Therapie zugelassen
Das IFMSS Therapeutic Claims Commitee kam zu dem Schluss, dass diese Therapie noch
als experimentell zu gelten hat, da sie noch nicht ausreichend untersucht ist und
erhebliche Risiken birgt.
(nach oben)
Cladribin ist ebenfalls ein Zytostatikum, das sehr wirkungsvoll Lymphozyten zerstört.
Es wird vor allem zur Behandlung von Lymphknotenvergrößerungen und verschiedenen
Typen von Leukämie angewendet.
Lymphozyten und ihre Zytokine spielen eine Schlüsselrolle im Immunsystem; sie sind
aber auch für die Gewebezerstörung bei der MS mitverantwortlich.
Eine Studie in den USA mit Patienten, die an einer progredienten MS seit mindestens zwei
Jahren litten, zeigte nach einem Jahr bei den mit Cladribin behandelten Patienten eine
geringere Progredienz der Behinderung und eine geringere Zunahme der im MRI sichtbaren
MS-Läsionen auf. Ähnliche Ergebnisse hatte auch eine neuere Studie aus Polen.
Weitere kontrollierte Studien werden zur Zeit durchgeführt.
Bei einem Sechstel der mit Cladribin behandelten Patienten traten schwerwiegende
Infektionen auf: 2 Patienten mit Herpes Zoster, 1 Patient erlitt eine Salmonellen-
Vergiftung und 1 Patient starb an Hepatitis B. In 4 Fällen kam es zu einer
Unterdrückung der Knochenmarksfunktion (Knochenmarks-Suppression).
Das IFMSS Therapeutic Claims Committee ist aus diesem Grunde der Meinung, dass vor
dem Vorliegen neuerer Daten die klinische Anwendung nicht empfehlenswert ist.
(nach oben)
Cyclosporin A ist ebenfalls ein Zytostatikum. Es ist eine Kette von 11 Aminosäuren,
die aus Pilzextrakten isoliert werden. Cyclosporin A hemmt die entzündungsfördernden
Zytokine und die T-Helfer-Zellen; es ist also ein Immunsuppressivum, das hauptsächlich
in der Transplantationsmedizin eingesetzt wird.
Kanadische und europäische Studien haben gezeigt, dass Cyclosporin‑A
nicht in allen Fällen von MS die Schübe verhindert bzw. die Progredienz
aufhält. Eine deutsche Vergleichsstudie mit Cyclosporin-A und Azathioprin (167 Patienten)
ergab keinen eindeutigen Vorteil von Cyclosporin-A im Vergleich mit Azathioprin. Dagegen
zeigten große Studien in den Vereinigten Staaten, Grossbritannien und den Niederlanden
einen minimalen Nutzen des Cyclosporins. Es zeigte sich eine leichte Verzögerung der
Behinderung im Vergleich zu den Kontrollpatienten. Allerdings wiegt der geringe Effekt die
hohen Nebenwirkungen nicht auf
In den meisten Fällen führt die Behandlung mit Cyclosporin-A zu einer
Einschränkung der Nierenfunktion. Weitere wichtige Nebenwirkungen sind stark beschleunigtes
Wachstum der Haare und des Zahnfleisches (Zahnfleischwucherungen) und eine Erhöhung
des Blutdrucks in einem nicht abschätzbaren Mass.
Das IFMSS Therapeutic Claims Commitee kam zu dem Schluss, dass diese Therapie eine gewisse
Wirksamkeit bei Patienten mit rasch progredienter Krankheit haben kann, dass aber das
Medikament wegen der erheblichen, ernsthaften Nebenwirkungen als Langzeittherapeutikum nicht
geeignet ist
(nach oben)
15-Desoxypergualin stammt aus der japanischen Transplantationsmedizin; es wurde zunächst
als Krebsmittel und Antibiotikum entwickelt. Bald erkannte man auch seine immunsuppressiven
Wirkungen: Es soll fünfmal stärker immunsuppressiv sein als Cyclosporin‑A.
Der exakte Wirkungsmechanismus ist nicht klar.
Im Tierversuch verhindert 15-Desoxypergualin die EAE, so bezeichnet man die künstlich
im Tiermodell hervorgerufene Krankheit, die in ihren Symptomen der MS beim Menschen am
nächsten kommt.
Prof. Nils Franke, der an MS erkrankte, benutzte 15-Desoxypergualin zu einem Selbstversuch;
er hatte dabei einen spektakulären Erfolg.
Im Rahmen einer europäischen Studie an 236 Patienten zeigte sich kein eindeutiger Effekt,
nur ein Trend zu einer verminderten Krankheitsprogression in der Hochdosisgruppe. In anderen Studien
konnte dieser positive Trend nicht bestätigt werden.
Die Nebenwirkungen sind ähnlich wie bei anderen Zytostatika: Unterdrückung der
Knochenmarksfunktion, Übelkeit, Erbrechen, gastrointestinale Blutungen.
1995 wurde der Zulassungsantrag wegen nicht vorliegender Wirkungserfolge abgelehnt
Zusammengestellt von Hans Derichs aus folgenden
Veröffentlichungen:
- Dr. med. Chr. Pilz: "Neue medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten der
Multiplen Sklerose", Blickpunkt 3/98
- Olaf Hebener: "Fundamente der Hoffnung, Theorie und Therapie der Multiplen
Sklerose", The World of Books Ltd, ISBN 3-932977-02-5
- William A. Sibley, M.D.: "Therapien der Multiplen Sklerose", Neuauflage (2002)
- Wolfgang Weihe: "Multiple Sklerose", Aus Wissenschaft und Forschung, ISBN 3-933378-00-1)
Ersteinstellung: 15. Juni 1999
Zuletzt überarbeitet: 1. März 2006
(nach oben)
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