|
(Der lateinische, von Ärzten bevorzugte Name lautet: "Encephalomyelitis disseminata")
Es wäre verwirrend und wenig hilfreich, wollte man hier alle Definitionen der MS aufführen.
Ihre Entstehung, ihre Ursachen also liegen bei genauer Betrachtung bis heute im Dunklen. Das Gleiche
gilt für die Mechanismen des Verlaufs. Rund um den Erdball wird fleißig geforscht und es gab
beachtliche Einzelergebnisse, die aber bisher nicht zu einem einheitlichen Bild zusammengefügt werden
konnten.
MS ist eine chronische Entzündung des Zentralnervensystems, die zu einer Beschädigung der
Markscheiden, der weißen Substanz von Gehirn und Rückenmark führt.
In den letzten Jahren setzt sich aufgrund von Forschungsergebnissen folgende Erkenntnis durch:
Die Schädigung der Markscheiden (Myelin) ist sekundär. Primär kommt es zu einer Entzündung
der Blut-Hirn-Schranke, einer Schutzeinrichtung zwischen Blutsystem und Hirnsubstanz, die schädliche Stoffe
von den Nervenzellen abhält. Durch diese Entzündung der Blut-Hirn-Schranke wird diese zunächst
durchlässig für Blutplasma und später auch für Blutkörperchen. Die Myelinscheiden bzw.
die Oligodendrozyten, die weiße Hirnsubstanz sind für bestimmte weiße Blutkörperchen
(Teile der Immunabwehr) Fremdkörper, die beseitigt werden müssen. Damit setzt die Schädigung der
Myelinscheiden ein.
Warum es zu der eben beschriebenen Entzündung der Blut-Hirn-Schranke kommt, was also der Auslöser,
die Ursache ist, ist bisher nicht bekannt. Man spricht von einer Autoimmunerkrankung. Diese Zuordnung wird
allgemein für korrekt gehalten.
Die MS tritt in Europa vornehmlich nördlich des 46. Breitengrades, in Amerika nördlich des 38.
Breitengrades auf. In den südlichen Ländern findet man die MS-Erkrankung viel seltener.
Sie tritt vornehmlich zwischen dem 20. Und 40. Lebensjahr auf, wobei Frauen stärker betroffen sind als
Männer. Das Verhältnis liegt bei w:m = 1,2 - 2 : 1, d.h. dass nahezu doppelt so viele Frauen
betroffen sind als Männer. Die Verbreitung der MS in der Bevölkerung Deutschlands wird in einigen
Publikationen mit 30 - 60 pro 100.000 Einwohner angegeben, andere sprechen von einer Rate von 1: 800
bis 1.000, d.h. diese Zahl läge etwa doppelt so hoch. Da es keine Meldepflicht für MS gibt, und
die ist auch nicht erforderlich, kennt man keine genauen Zahlen. Die zuletzt genannte Rate dürfte
aber nach der Erfahrung von Ärzten in Ballungsgebieten eher zutreffen.
(nach oben)
Man unterscheidet heute folgende Verlaufformen bei der Multiplen Sklerose:
2.1) Schubförmiger Verlauf
Von einem Schub spricht man, wenn neue Symptome auftreten, die länger als 24 Stunden anhalten oder wenn
frühere Symptome sich nach mindestens einmonatigem Abstand wiederholen oder wieder deutlich verstärken.
Die Rückbildung der Symptome nennt man Remission.
Die Zeitabstände zwischen zwei Schüben, das Intervall ist von Patient zu Patient sehr unterschiedlich
und kann sich auch im Verlaufe der Erkrankung erheblich verändern. Dieser zeitliche Abstand kann Monate,
er kann aber auch viele Jahre betragen.
Einige Neurologen wollen von einem Schub aber nur dann reden, wenn neue Symptome auftreten, nicht aber, wenn
alte Symptome wiederkehren.
(nach oben)
2.2) Schubförmig-progredienter Verlauf
Von dieser Verlaufsform spricht man, wenn sich die neurologischen Symptome nach einem Schub nur unvollständig
zurückbilden, d.h. daß nach jedem Schub die krankheitsbedingte Behinderung ein wenig zunimmt.
2.3) Sekundär chronisch-progredienter Verlauf
Diese Verlaufsform liegt vor, wenn nach manchmal jahrelangem schubförmigen Verlauf mit Remissionen eine
schleichende, bleibende Verschlechterung eintritt. Es kommt auch vor, dass sich zusätzlich zu dem
schleichenden Verlauf schubartige Verschlechterungen einstellen.
(nach oben)
2.4) Primär chronisch-progredienter Verlauf
Bei manchen Patienten fehlen von Anfang an schubförmige Verschlechterungen; bei ihnen entwickeln sich die
Symptome schleichend und allmählich über Monate bis Jahre. Nach der Literatur tritt diese Verlaufsform
nur bei etwa 20 % der Patienten auf.
Aus den neueren Forschungsergebnissen schließen heute namhafte Neurologen nicht aus, dass es keine
einheitliche Krankheit MS gibt, sondern dass sich hinter den oft grundverschiedenen Verläufen und
grundverschiedenen Ausfallerscheinungen auch verschiedene Krankheiten verbergen, die wir bis heute in Ermangelung
an besseren Kenntnissen als Multiple Sklerose bezeichnen.
Zusammengestellt von Hans Derichs aus folgenden Veröffentlichungen:
- Olaf Hebener: "Fundamente der Hoffnung, Theorie und Therapie der
Multiple Sklerose", The World of Books Ltd, ISBN 3-932977-02-5
- William A. Sibley, M.D.: "Therapien der Multiplen Sklerose",
Neuauflage (2002)
- Wolfgang Weihe: "Multiple Sklerose", Aus Wissenschaft und Forschung, ISBN 3-933378-00-1
Ersteinstellung: 15. Juni 1999
Zuletzt überarbeitet: 1. März 2006
|