
Armut, soziale Ungleichheit und MS
Christiane Fischer, Blickpunkt-Ausgabe 01/2026
Armut macht krank, Krankheit macht arm – ein Teufelskreis, in dem finanzielle Not die Gesundheit verschlechtert und umgekehrt Krankheiten zu Armut führen können. Der Zusammenhang ist wissenschaftlich belegt: Arme Menschen erkranken häufiger, schwerer und sterben früher, während Krankheiten ein Hauptgrund für Verschuldung und Verarmung sind, was eine soziale Ungleichheit verstärkt.
Die Bedeutung von Armut
Armut bedeutet, dass Menschen nicht genügend finanzielle, materielle oder soziale Ressourcen haben, um ihre grundlegenden Bedürfnisse zu befriedigen – dazu gehören Nahrung, Wohnung, Kleidung, Gesundheitsversorgung, Bildung und soziale Teilhabe. Bevölkerungsgruppen, die besonders von Armut betroffen sind, haben ein signifikant erhöhtes Sterblichkeitsrisiko. Das hat der 99. Deutsche Ärztetag bereits im Jahr 1996 festgestellt.
Armut wird oft in zwei Formen unterschieden: Absolute Armut bezieht sich auf ein festes Existenzminimum, das nötig ist, um zu überleben und kommt häufig in Ländern des Globalen Südens vor. Relative Armut ist Armut im Verhältnis zum Lebensstandard der Gesellschaft, in der man lebt. In der EU gilt jemand als armutsgefährdet, wenn ihr oder ihm weniger als 60 % des mittleren Einkommens zur Verfügung steht. Mit anderen Worten: Man kann zwar überleben, aber nicht gleichwertig am gesellschaftlichen Leben teilhaben (z. B. für Kultur, Freizeit, Internet oder Restaurantbesuche ist kein Geld übrig).
Das Lebenslagenkonzept geht darüber hinaus und versteht Armut nicht nur als Einkommensarmut, sondern multidimensional als Unterversorgung von materiellen, sozialen, kulturellen und gesundheitlichen Aspekten. Es fasst ökonomische Faktoren wie Einkommen, Vermögen und die Wohnsituation, soziale Faktoren wie Familie, soziale Beziehungen, Bildung und kulturelle Faktoren wie den Zugang zu Informationen oder Freizeitgestaltungen sowie Gesundheit und psychosoziale Belastungen zusammen. Aus dem Lebenslagenkonzept ergeben sich zielgruppenspezifische Maßnahmen, die auf den Wechselwirkungen und der Mehrdimensionalität von spezifischen Bedürfnissen und Situationen unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen beruhen.
Die weltweite Situation
400 Mio. Menschen weltweit haben keinen Zugang zu essenziellen Gesundheitsdiensten, etwa, weil sie nicht in ihrer Nähe existieren oder weil sie sich diese nicht leisten können. Einfache, aber auch schwerwiegende Erkrankungen können also nicht oder nicht ausreichend behandelt werden. Einer Erhebung der Weltgesundheitsorganisation WHO und der Weltbank zufolge werden 6 % der Bevölkerung in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen durch notwendige Ausgaben für das Gesundheitswesen überhaupt erst in eine extreme Armut gedrängt. 1 Mrd. Menschen weltweit haben gesundheitliche Ausgaben, die über 10 % ihres Haushaltseinkommens ausmachen. Krankenversicherungen gibt es in den allerwenigsten Ländern für alle. Einer jüngeren Studie des UNDP zufolge leben 1,2 Mrd. Menschen in Ländern des Globalen Südens in multidimensionaler Armut.
Für Deutschland zeigen aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamtes, dass 20,9 % (also fast ein Viertel) der Bevölkerung armutsgefährdet sind.
Armut und MS
Menschen mit chronischen Erkrankungen wie MS sind weltweit und auch in Deutschland überdurchschnittlich von Armut betroffen, denn sie sind häufig früher erwerbsunfähig oder finden aufgrund ihrer Einschränkungen und einer fehlenden Unterstützung in der Gesellschaft nur wenige für sie passende Berufsmöglichkeiten. Dazu kommt ein krankheitsbedingter Mehraufwand für Hilfsmittel, Therapien und ein erhöhter Pflegebedarf, der oft aus eigener Tasche bezahlt werden muss.
Auch Personen mit einem geringen Behinderungsgrad, die formal noch als voll arbeitsfähig gelten, werden in Deutschland häufig frühverrentet, denn sie leiden oft an unsichtbaren, aber belastenden Symptomen, die formal nicht immer als Behinderung anerkannt sind, die Erwerbstätigkeit aber stark beeinträchtigen können. Tatsächlich ist die Hälfte der Menschen mit MS in Deutschland bereits lang vor dem gesetzlichen Rentenalter erwerbsunfähig und bezieht deshalb auch eine zu geringe (Erwerbsminderungs-)Rente.
In Ländern des Globalen Südens ist die Situation noch einmal prekärer, da es staatliche soziale Absicherungssysteme oftmals nur geringfügig oder gar nicht gibt und eine Unterstützung abhängig ist von einem funktionierenden Familienverbund, der die Aufgaben des Staates quasi in Eigenleistung übernimmt.
In der Sozialepidemiologie wird schon lange diskutiert, dass Armut oft nicht nur ein Risikofaktor für die Gesundheit ist, sondern chronische Krankheiten wie MS auch das Risiko erhöhen können, in Armut zu geraten – z. B. durch eingeschränkte Erwerbsfähigkeit und hohe Behandlungskosten. Diese Wechselwirkung zwischen Armut und Gesundheit verschärft bestehende Ungleichheiten. Studien zeigen auch, dass ein niedriger sozioökonomischer Status – also geringes Einkommen, niedrigere Bildung oder prekäre Beschäftigung – bei Menschen mit MS mit schwereren Krankheitsverläufen und höherer Sterblichkeit verbunden ist. Personen mit geringerem Einkommen sind im Verlauf ihrer MS häufiger mit schwereren körperlichen Beeinträchtigungen und einer schlechteren Lebensqualität konfrontiert. Sie haben keinen oder nur eingeschränkten Zugang zu medizinischer Versorgung, zu Therapien und Medikamenten und sind erhöhtem Stress und schlechteren Lebensbedingungen ausgesetzt. Diese Faktoren beeinflussen nicht nur MS-Symptome, sondern die allgemeinen Gesundheitschancen – auch in Ländern des Globalen Nordens, wo diese Ungleichheiten weiterhin bestehen.
In vielen Ländern mit niedrigem Einkommen sind MS-therapeutische Angebote und eine neurologische Spezialversorgung zudem unzureichend oder teuer, was zu schlechteren Gesundheits- und Lebensverlaufsergebnissen führt. Gleichzeitig ist die weltweite Forschungslage komplex: Einige Studien sehen in höheren sozialen Schichten auch ein etwas höheres Risiko für eine MS-Diagnose. Es zeigt sich hier aber vor allem, wie sehr Diagnose- und Gesundheitssysteme den jeweiligen sozioökonomischen Status widerspiegeln.
Frauen sind stärker betroffen
Frauen sind dreimal häufiger von einer MS betroffen als Männer. Sie sind auch häufiger nur geringfügig beschäftigt, was langfristig zu deutlich geringeren Rentenansprüchen führt und das Risiko für Altersarmut erhöht. Die bei Frauen häufiger existierenden Mehrfachbelastungen beschleunigen diese Spirale weiter. In Zahlen ausgedrückt: Frauen sind in Deutschland mit 16,2 % stärker von Armut betroffen als Männer (14,7 %). Besonders betrifft dies Frauen im Alter von 18–24 Jahren sowie Frauen ab 65. Der sogenannte Gender Pension Gap (GPG) bezeichnet den Unterschied zwischen den Alters- und Renteneinkünften von Frauen und Männern. In vielen Ländern – auch in Deutschland – beziehen Frauen im Rentenalter deutlich weniger Einkommen als Männer. So hatten Frauen ab 65 Jahren 2024 durchschnittlich rund 27 % geringere Alterseinkünfte als Männer (inkl. Hinterbliebenenrenten) – und ohne diese sogar fast 40 % geringere Renten aus eigenen Beiträgen. Diese Rentenlücke spiegelt über Jahre hinweg geringere Verdienste, Teilzeitphasen oder berufliche Auszeiten wider – Faktoren, die Menschen mit MS und insbesondere Frauen stärker betreffen können.
Frauen beziehen auch häufiger Erwerbsminderungsrente bei gleichem Behinderungsgrad als Männer. Wesentliche Hintergründe für diesen Unterschied können u. a. sein:
- Häufigerer Krankheitsverlauf oder symptomatische Belastung in für die Erwerbsarbeit relevanten Bereichen (z. B. Fatigue, kognitive Einschränkungen) bei Frauen, die stärker als der übliche Behinderungsgrad im Rentenrecht berücksichtigt werden, auch wenn objektiv gleiche Behinderungsgrade bestehen;
- häufigere Teilzeit- oder geringfügige Beschäftigungen, was bei Erwerbsminderung schneller zu einer Rentenanwartschaft führt;
- multifaktorielle Belastungen im Erwerbsleben und familiären Kontext, die Erwerbsfähigkeit frühzeitig beeinträchtigen können.
Die unterschiedlichen Erwerbs- und Lebenssituationen von Frauen mit MS werden als ein Grund dafür benannt, warum sie im Schnitt häufiger in die Erwerbsminderungsrente wechseln, selbst wenn der objektiv gemessene Behinderungsgrad vergleichbar ist.
Fazit
Der Zusammenhang zwischen Armut und MS ist kein einfacher Ursache-Wirkungs-Mechanismus, sondern ein komplexes Zusammenspiel von sozioökonomischen Bedingungen, dem Zugang zur Gesundheitsversorgung, beruflichen und sozialen Ressourcen sowie medizinischer und gesellschaftlicher Unterstützung. Armut allein verursacht keine MS. Aber sie beeinflusst stark, wie gut Menschen mit MS leben und behandelt werden können – mit Auswirkungen auf Krankheitsverlauf, Behinderung und Lebensqualität.
Mögliche Lösungsansätze, die für Deutschland und Europa diskutiert werden, liegen vor allem in der Gewährleistung armutsfester Renten für von chronischer Krankheit betroffene Menschen, der Stärkung des Zugangs zu Reha-Maßnahmen, um die Arbeitsfähigkeit zu erhalten, der Schaffung eines deutlich inklusiveren Arbeitsmarkts, der eine bessere Integration und Unterstützung am Arbeitsplatz ermöglicht, dem niederschwelligen Zugang zu Unterstützungsleistungen wie etwa Haushaltshilfen und andere Sozialleistungen, die bei Bedarf abgerufen werden können sowie eine EU-weite Harmonisierung bezüglich der Anerkennung von Behinderungen.
Quellen
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