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Initiative Selbsthilfe Multiple Sklerose Kranker e. V.

Diagnostik der MS: Was bringen die neuen McDonald-Kriterien?

Christiane Fischer, Blickpunkt-Ausgabe 01/2026

Die letzte Überarbeitung der McDonald-Kriterien aus dem Jahr 2024 zielt darauf ab, die Diagnose der MS durch die Einbeziehung moderner Biomarker (z. B. Kappa-freie Leichtketten) und bildgebender Verfahren (Zentralvenenzeichen, Eisenrandläsionen) zu beschleunigen. Trotz der Vorteile einer früheren Behandlung wird die Revision in Fachkreisen auch kritisch diskutiert; hier steht vor allem das Risiko einer Über- oder Fehldiagnose im Raum.

Diagnose der MS – früher und heute

Schumacher-Kriterien (1965)

Die ersten internationalen diagnostischen MS-Kriterien, damals nur klinisch definiert, gingen auf das Team um den Neurologen Schumacher zurück. Sie ruhten auf zwei Pfeilern: dem Nachweis, dass entzündliche Läsionen im Zentralnervensystem (ZNS) an verschiedenen Orten (räumlich) und zu unterschiedlichen Zeitpunkten (zeitlich) auftreten sowie dem Ausschluss von Erkrankungen, die ähnliche Symptome zeigen (Differentialdiagnosen). Hier gab es auch eine erste Schubdefinition, nach der eine mindestens 24 Stunden dauernde Funktionsstörung des ZNS vorliegen muss, unabhängig davon, ob sie anamnestisch berichtet oder objektiv festgestellt wird.

Poser-Kriterien (1983)

Charles Poser und sein Team integrierten knapp 20 Jahre später erstmals technische Zusatzuntersuchungen und Laborbefunde in die Diagnose und unterschieden nun zwischen „klinisch gesicherter“ und „laborunterstützter“ MS. Die Anwendung elektrophysiologischer Verfahren zum Nachweis eines klinisch stummen Befalls von ZNS-Arealen (evozierte Potentiale), eine genauere Liquor-(Nervenwasser-)analytik auf oligoklonale Banden sowie die Entwicklung der Kernspintomographie ermöglichten, dass neben der Klinik auch sich der neurologischen Untersuchung entziehende Krankheitsaktivität zusatzdiagnostisch erfasst werden konnte. Ihre Kriterien bezogen sich auf Betroffene im Alter von 10–59 Jahren.

McDonald-Kriterien (2001)

Erstmals im Jahr 2001 von der Konsensusgruppe unter der Leitung von McDonald in London vorgestellt, werden diese Kriterien (MC) durch das International Advisory Committee on Clinical Trials in Multiple Sclerosis nun regelmäßig überarbeitet und sollen einen global einheitlichen Rahmen für alle Verlaufsformen und Altersgruppen schaffen. Diese Diagnosekriterien bezogen erstmals die Magnetresonanztomographie (MRT) mit ein. Läsionen im MRT konnten nun als Beweis für räumliche oder zeitliche Dissemination dienen, was die Diagnosezeit stark verkürzte. Im Gegensatz zu den Poser-Kriterien wird hier auch nur noch zwischen „MS“, „möglicher MS“ und „keiner MS“ unterschieden.

Die aktuellen MC-Kriterien

Die letzte Revision aus dem Jahr 2024 ersetzt die Fassung von 2017 und soll die Diagnosestellung weiter beschleunigen, vereinfachen, leichter zugänglich machen und Fehldiagnosen vermeiden helfen. Die entsprechende Studie dazu zeigt, dass durch die neuen Kriterien im Vergleich zu den 2017-Kriterien mehr Betroffene identifiziert werden und eine Diagnose schneller erfolgen kann. Die Sensitivität (also wie zuverlässig ein medizinisches Diagnoseverfahren erkennt, ob man erkrankt ist) wird also gesteigert, während die Spezifität (wie zuverlässig ein medizinisches Diagnoseverfahren erkennt, ob man nicht erkrankt ist) abnimmt.

Durch die Aufnahme des Sehnervs als 5. Läsionsregion sowie durch Zusatzmarker wie das zentrale Venenzeichen (CVS), paramagnetische Randläsionen (PRL) und Kappa-freie Leichtketten (kFLC) in der Lumbalpunktion als gleichwertige Alternative zu oligoklonalen Banden soll die MS-Diagnose im räumlichen Bereich erweitert werden. Der zeitliche Nachweis ist für die Diagnosestellung nun erstmals nicht mehr zwingend erforderlich. Zudem können nun auch asymptomatische Befunde wie das Radiologisch Isolierte Syndrom (RIS) eine MS-Diagnose bedeuten, wenn Läsionen in mindestens zwei typischen Regionen vorliegen und zusätzlich weitere Kriterien erfüllt sind. Dieser Paradigmenwechsel wird in der Fachwelt nicht nur wohlwollend kommentiert.

Klinische Konsequenzen

Durch die MC-Kriterien ergeben sich Konsequenzen für eine MS-Diagnose nach dem ersten Schub:

NachweisPoser-KriterienMcDonald-Kriterien

1. Schub + MRT

nicht ausreichend

oft

1. Schub + Liquor

möglich

möglich

Frühe Diagnose

selten

häufig

 

So gab es in der Poser-Ära späte Diagnosen meist nach dem zweiten Schub. Viele milde Verläufe blieben unentdeckt, es bestand aber eine hohe Spezifität bei geringerer Sensitivität. In der McDonald-Ära gibt es eine frühe Diagnose, die entsprechend auch früher immuntherapeutisch behandelt werden kann. Es gibt also eine höhere Sensitivität, aber auch ein Risiko der Über- und Fehldiagnose, also einer geringeren Spezifität. Während Poser fragte: „Wie oft und wo hattest du Symptome?“, fragt McDonald: „Was zeigt das MRT – auch ohne Symptome?“ Bilder und nicht Menschen werden mit Medikamenten therapiert.

Zentrale Kritikpunkte

Erklärtes Ziel der Forschenden der neuen McDonald-Kriterien ist es, das Therapiefenster weiter zu verkürzen, um noch früher behandeln zu können. Dies wird durch das Aufweichen des zeitlichen Nachweises begünstigt. Dadurch besteht eine Gefahr der Über- und Fehldiagnose und schwerwiegender Nebenwirkungen, besonders bei asymptomatischen Patient*innen, die möglicherweise nie klinische Symptome entwickelt hätten.

Verschiedene Studien für die USA, Schottland, Frankreich und Deutschland (etwa Solomon et al. aus den Jahren 2020 und 2022 oder Heinemann et al. 2025) zeigen dazu, dass die MC-Kriterien von neurologischen Fachärzt*innen inklusive MS-Spezialist*innen durch Wissenslücken oder Missverständnisse bereits jetzt schon teilweise falsch angewandt werden (etwa fehlte die genaue Kenntnis der im MRT typischerweise betroffenen Lokalisationen oder wurden die MC-Kriterien auch bei unspezifischen Symptomen angewandt). In aktuellen Studien wurde zudem sichtbar, dass die meisten Neurolog*innen rein anamnestische Berichte über frühere neurologische Symptome ohne klinische Evidenz bereits als ausreichend erachten, um eine zeitliche Dissemination zu belegen bzw. eine Fehldiagnose in 15 % der Fälle keine Seltenheit ist. Für die Betroffenen heißt das auch, dass andere Erkrankungen, die durch diese Fehldiagnosen unerkannt bleiben (etwa Migräne, Fibromyalgie oder Neuromyelitis), nicht behandelt werden bzw. sich durch die falsche Therapie weiter verschlechtern können.

Die Kritikpunkte sind im Einzelnen:

Eingeschränkte Verfügbarkeit und Uneinheitlichkeit: Die neuen Kriterien verschieben den Fokus weiter in Richtung biologische Diagnose (MRT-Marker, Biomarker im Liquor) und weg von klinischen Symptomen. Kliniker*innen ohne spezialisierte MS-Expertise könnten die Kriterien zu ungenau anwenden, was die diagnostische Konsistenz gefährdet. Viele der neuen Werkzeuge, wie hochauflösende MRT-Sequenzen für das Zentralvenenzeichen oder spezialisierte Labortests für Kappa-freie Leichtketten als akute Entzündungszeichen sind in einkommensschwachen Regionen oder kleineren Kliniken oft nicht verfügbar. Die Erweiterung des diagnostischen Baukastens kann in der Theorie sicher zu mehr Präzision führen — in der Praxis aber eben auch zu weiteren Unsicherheiten, Uneinheitlichkeit bzw. einem Mehraufwand im Bereich Bildgebung und Berichterstattung. Denn die Durchführung und Auswertung dieser Zusatzmarker erfordert spezialisiertes Fachwissen und eine klinische und radiologische Expertise.

Gefahr von Fehl- oder Überdiagnosen: Die Ausweitung der Diagnose auf das RIS birgt das Risiko, Patient*innen zu behandeln, die ohne Therapie eventuell nie klinische Symptome entwickelt hätten. Für sie bedeutet die Diagnose oft eine unnötige und nebenwirkungsreiche Therapie. Bei älteren Patient*innen oder Menschen mit Gefäß- oder anderen neurologischen Erkrankungen können unspezifische MRT-Veränderungen fälschlicherweise als MS interpretiert werden. Da die Diagnose auch ohne mehrere Ereignisse zu verschiedenen Zeitpunkten gestellt werden kann, ist nun das Verwechseln von Weiße-Substanz-Veränderungen mit anderen Ursachen (z. B. vaskuläre Läsionen, Migräne) leichter möglich. Auch Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen wie die MS werden so vielleicht nicht als solche erkannt und falsch therapiert.

Unspezifität am Sehnerv: Die Einbeziehung des Sehnervs als fünfte anatomische Region wird kritisch gesehen, da Entzündungen dort auch durch viele andere Erkrankungen (z. B. Infektionen) verursacht werden können. Dies erfordert laut Expert*innen zwingend objektive Messverfahren.

Fehlende methodische Standards: Für neu eingeführte Marker wie die Eisenrandläsionen fehlen teilweise noch einheitliche Definitionen und standardisierte Protokolle für die klinische Routine.

Fazit

Die 2024 geänderten McDonald-Kriterien bergen Risiken, aber auch Vorteile für die MS-Diagnose:

KritikpunkteVorteile
Überdiagnoserisiko RIS-Diagnose kann gestellt und die Therapie eingeleitet werden, bevor Symptome auftreten
Schwächere Spezifität Der Wegfall der zeitlichen Komponente erhöht die Gefahr einer Fehldiagnose Höhere Sensitivität
Komplexität in der Praxis und Erfordernis hoher technischer Standards bei Zusatzmarkern Die Zusatzmarker und die neue Bildgebung bieten eine höhere technische Sicherheit
Unterschiedliche Anwendung und Expertise in Kliniken kann zu uneinheitlicher Diagnose führen Je besser die Ausstattung, desto leichter lässt sich die Diagnose stellen
Hohe Anforderungen an Fachpersonal; Umsetzung braucht Schulung und Erfahrung; Gefahr systematischer Fehler durch unerfahrene Anwender*innen Durch Schulung und Erfahrung werden Anforderungen erfüllt

Sie zielen darauf ab, die „Hängepartie“ zu verkürzen und Patient*innen schneller eine medikamentöse Behandlung zu ermöglichen, um den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen, auch wenn das nicht immer gelingen wird. Gleichzeitig erfordern sie eine hohe Expertise und stellen große Anforderungen an die diagnostische Sorgfalt, um Über- und Fehldiagnosen zu verhindern, denen allerdings nicht alle Radiologiezentren gerecht werden können. Inwiefern letztlich die Betroffenen von den neuen Kriterien profitieren, bleibt abzuwarten. Dass die frühe Diagnose und ein damit verbundener früher Therapiebeginn den langfristigen Verlauf günstig beeinflusst, ist, wie sich anhand der vielfältigen Formen und Ausprägungen zeigt, nicht in jedem Fall richtig und die beste Wahl. Eine Behandlungsentscheidung und eine sorgfältige Risiko-Nutzen-Abwägung von Betroffenen und ihren Ärzt*innen bleibt daher notwendig.

Quellen

Bollo, L. et al. 2025. Scientific Session 1: Impact of 2024 diagnostic criteria for MS, abrufbar im Internet unter www.journals.sagepub.com/doi/full/10.1177/13524585251358339.

Heinemann, J. 2023. McDonald-Kriterien häufig falsch angewandt, abrufbar im Internet unter www.doccheck.com/de/detail/articles/43170-mcdonald-kriterien-haeufig-falsch-angewandt.

Heinemann, J. et al. 2025. McDonald criteria application by German neurologists suggests a need for further training, abrufbar im Internet unter share.google/z95iaRoFq1gXkhVoy.

Montalban, X. et al. 2025. Diagnosis of multiple sclerosis: 2024 revisions of the McDonald criteria, abrufbar im Internet unter www.doi.org/10.1016/S1474-4422(25)00270-4.

Neurologienetz 2024. McDonald Kriterien 2024, abrufbar im Internet unter www.neurologienetz.de/fachliches/themenseiten/themenseite-multiple-sklerose-und-entzuendliche-zns-erkrankungen/mcdonald-kriterien-2024; Diagnosekriterien nach Poser (Poser et al. 1983), abrufbar im Internet unter www.neurologienetz.de/fachliches/erkrankungen/entzuendliche-erkrankungen-des-zns/multiple-sklerose/diagnosekriterien-nach-poser/.

Pappolla, A. et al. 2025. A paradigm shift away from dissemination in time in multiple sclerosis, abrufbar im Internet unter www.pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40962994/.

Solomon, A./Brodersen, J. 2025. The 2024 revisions of the McDonald criteria pose risk of multiple sclerosis overdiagnosis, abrufbar im Internet unter www.pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40962996/.