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Initiative Selbsthilfe Multiple Sklerose Kranker e. V.

Fortschritte in der Diagnostik: Wie aussagekräftig sind Blutbasierte Biomarker?

Christiane Fischer, Blickpunkt-Ausgabe 03/2026

Für das Monitoring einer MS-Krankheitsaktivität stehen die ersten Blutbasierten Biomarker zur Verfügung. Sie sollen Schübe vorhersagen und das Therapieansprechen überwachen. Im Gegensatz zu Liquoruntersuchungen ist die Blutuntersuchung eine schonendere Methode. Doch ist sie auch wirksam?

Was sind Biomarker?

Ein biologischer Marker (Biomarker) ist ein messbarer Indikator für biologische Prozesse im Körper. Er kommt vor allem für die Erkennung von Krankheiten und die Messung von Behandlungserfolgen zum Einsatz. Biomarker umfassen z. B. Eiweiße und Botenstoffe (Hormone) in Blut oder anderen Körperflüssigkeiten. Auch in und auf Körperzellen gibt es eine Vielzahl typischer Merkmale, die dabei helfen, Krankheiten zu diagnostizieren.

Blutbasierte Biomarker bei MS: sNfL und sGFAP

In der Neurologie kommen Blutbasierte Biomarker (BBM) zum Einsatz.

sNfL (Neurofilament light chain), ein Strukturprotein in Nervenzellen, steigt bei akuter Krankheitsaktivität und Schüben an. Erhöhte Werte korrelieren mit der Schubaktivität, MRT-Läsionen und Langzeitbehinderung. Der Marker soll der Erkennung von MS dienen und Schübe vorhersagen. Bereits 1998 wurde sNfL als ein potenzieller Biomarker für die MS beschrieben. Studien haben gezeigt, dass MRT-Bilder mit sNfL-Spiegeln korrelieren. Patient*innen, die kurz vorher einen Schub hatten, weisen höhere sNfL-Werte als diejenigen in Remission.
Jedoch ist es noch unklar, ob der Biomarker wirklich geeignet ist, Schübe vorherzusagen. Bei vielen Studien wurde der Zusammenhang mit einer zu geringen Fallzahl festgestellt, sodass keine statistische Aussage darüber möglich ist, ob der beobachte Zusammenhang ursächlich oder doch nur zufällig ist.

sGFAP (Glial fibrillary acidic protein) ist ein Marker für chronisch-progrediente Verläufe. Erste Daten zeigen, dass hohe sGFAP-Spiegel mit Behinderungsprogression und schlechter Prognose assoziiert sind – unabhängig von Schubaktivität.

Beide Biomarker zusammen liefern mehr Information als einer allein: So können z. B. ein hohes sNfL und ein hohes sGFAP einen Hinweis auf eine aktive Entzündung und auf beginnende degenerative Prozesse geben. Ein hohes sGFAP und ein niedriges sNfL ließe umgekehrt vermuten, dass es sich um einen weniger entzündlichen Prozess handelt. Die Hoffnung ist, dass man über eine Kombination von sNfL und sGFAP akute versus chronische Krankheitsaktivität voneinander trennen und dadurch präziser den individuellen Verlauf und die Wirksamkeit einiger MS-Medikamente einschätzen kann. Jedoch ist sich die Wissenschaft noch uneinig über einen geeigneten Mindestwert und ab wann überhaupt ein Risiko besteht.

Kritik & Limitationen

Hochwertige randomisierte Studien, die zeigen, dass biomarkergesteuerte Entscheidungen tatsächlich bessere klinische Endpunkte (z. B. weniger Behinderungsprogression) liefern, gibt es bislang nur wenige. Die Biomarker ersetzen also keine klinische Beurteilung und kein MRT, sie können nur zusätzlich zur Entscheidungsfindung beitragen. Erhöhte sNfL-Werte weisen zwar kurzfristig auf bevorstehende Schübe oder neue Läsionen hin, langfristig gesehen sind die Ergebnisse aber nicht so eindeutig, da sNfL auch aufgrund anderer Ursachen erhöht sein kann.

Problematische Standardisierung

Für beide Biomarker gibt es inzwischen Bluttests, aber nur die Bluttests bei sNfL sind standardisiert. Diese Tests dürfen im europäischen Wirtschaftsraum für medizinisch-diagnostische Zwecke beim Menschen verwendet werden.

MarkerProdukt­nameRoutine verfügbar?Typische Anwendung
sNfL z.B. Quanterix Simoa®, Roche Elecsys Zunehmend eingesetzt in Uni-Kliniken und spezialisierten Laboren Verlaufs- und Therapie­monitoring bei MS
sGFAP z.B. Quanterix Simoa® Limitiert v.a. in Forschung und Spezial­laboren Abschätzung Progressions­risiko, in Kombination mit sNfL

Die Standardisierung ist problematisch: Wenn die Werte als Biomarker dienen sollen, muss der Normwert an das Alter und an andere Faktoren wie die Fettleibigkeit oder Diabetes angepasst werden. Labormethoden und Referenzwerte sind jedoch noch nicht einheitlich normiert, und es wird betont, dass man nicht „einen festen Grenzwert“ verwenden sollte, sondern alters- und geschlechtsangepasste Referenzbereiche. Im Allgemeinen wird ein sNfL-Wert von ca. 10 pg/ml bei Patient*innen unter 40 Jahren als normal angesehen. Diese mangelnde Standardisierung bedeutet: Jüngere MS-Betroffene können unter Umständen nicht erkannt werden und ältere fälschlicherweise als positiv klassifiziert werden. Man nennt das falsch-negative und falsch-positive Ergebnisse. Die Werte werden vom Alter „verwirrt“. Das macht die Interpretation schwierig, die Biomarker sind ohne die Berücksichtigung weiterer klinischer Kontexte also nicht ausreichend für eine MS-Diagnose. Sie dienen auch nicht für die Unterscheidung zu anderen Erkrankungen mit neuroaxonaler Schädigung, da sie nicht krankheitsspezifisch sind.

Mangelnde Spezifität

Dazu kommt die mangelnde Spezifität. Beide Biomarker sind nicht ausschließlich für MS spezifisch. sNfL und sGFAP können bei diversen ZNS-Schäden wie Alzheimer, Schlaganfall oder Schädel-Hirn-Trauma (SHT), aber auch bei Diabetes und Adipositas erhöht sein.

Therapiekonsequenzen

Konsequenzen für die Therapie sind bisher leider nur Zukunftsmusik. Denn die Biomarker können zwar das Problem anzeigen, es fehlen aber meist noch zugelassene Therapien, die spezifisch an den jeweiligen Pathomechanismus anknüpfen und ihn beheben.

Klinischer Nutzung ja, aber…

Die Biomarker sind – wenn überhaupt – nur eine Zusatzinformation bei der Überlegung, wie und ob welche Therapie eingesetzt werden sollte. Sie sollten nie allein über Therapieänderungen entscheiden, sondern nur im Zusammenspiel mit klinischem Verlauf, MRT und Laborparametern, da es schwer zu sagen ist, ob ein erhöhter Wert für eine*n bestimmte*n Patient*in wirklich pathologisch relevant ist. Eine Interpretation ist nur im Einzelfall möglich, da es starke interindividuelle Schwankungen gibt. Sinnvoll könnten Biomarker dennoch sein:

  • zur Verlaufsbeurteilung (ob die Therapie die Krankheitsaktivität wirksam unterdrückt);
  • als Frühwarnsignal (wenn der Wert trotz stabiler MRT-Bilder ansteigt, kann das auf subklinische Aktivität hinweisen) oder
  • bei Therapiewechseln (um die Wirkung neuer Medikamente objektiver zu messen).

Fazit

sNfL und sGFAP und spiegeln unterschiedliche Krankheitsmechanismen wider. Erhöhte sNfL-Spiegel können strukturellen Veränderungen im MRT vorausgehen. Erhöhte sNfL-Werte könnten daher eine prognostische Kraft besitzen. Die Reduktion der sNfL-Spiegel kann darauf hinweisen, dass die betroffene Therapie effektiv ist. Aber es ist noch nicht erwiesen.

Die Kombination der beiden Biomarker könnte unter Umständen helfen, den Verlauf differenzierter einzuschätzen. Ihre Messung könnte helfen, die subklinische Krankheitsaktivitäten bei vermeintlich stabilen MS-Betroffenen zu identifizieren. Nichtsdestotrotz sind die Einschränkungen schwerwiegend. Ein normaler sNfL-Wert heißt nicht automatisch, dass keine Krankheitsaktivität vorliegt. Und bei langfristigen klinischen Verschlechterungen ist die Evidenz nicht eindeutig. Ob der Einsatz der BBM für MS sinnvoll ist, hängt davon ab, ob die Betroffenen das selbst möchten und ob Therapieentscheidungen davon beeinflusst werden. Das muss jede*r für sich selbst entscheiden.

Quellen

Bittner, S. 2024. Blutmarker sGFAP und sNfL als Biomarker für Krankheitsaktivität bei Multipler Sklerose, abrufbar im Internet unter www.dkf.unibas.ch/de/aktuell/blutmarker-sgfap-und-snfl-als-biomarker-fuer-krankheitsaktivitaet-bei-multipler-sklerose/.

Bittner, S. et al. 2020. Clinical implications of serum neurofilament in newly diagnosed MS patients: a longitudinal multicentre cohort study, abrufbar im Internet unter www.pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32460167/.

Freedman, M. et al. 2024. Guidance for use of neurofilament light chain as a cerebrospinal fluid and blood biomarker in multiple sclerosis management, abrufbar im Internet unter www.thelancet.com/action/showPdf?pii=S2352-3964%2824%2900005-7.

Lycke, J. et al. 1998. Neurofilament protein in cerebrospinal fluid: a potential marker of activity in multiple sclerosis, abrufbar im Internet unter www.pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/9527161/.

Quanterix. Simoa assey sheets, abrufbar im Internet unter www.quanterix.com/simoa-assay-kits-and-reagents.

Roche Diagnostics 2023. Roche’s Elecsys NfL test, an important tool for those living with multiple sclerosis, is granted FDA Breakthrough Device Designation, abrufbar im Internet unter www.diagnostics.roche.com/us/en/news-listing/2023/roche-elecsys-nfl-test-granted-fda-breakthrough-device-designati.html?utm.

Toorop, A. A. et al. 2024. Serum neurofilament light and glial fibrillary acidic protein levels are not associated with wearing-off symptoms in natalizumab-treated multiple sclerosis patients, abrufbar im Internet unter www.journals.sagepub.com/doi/10.1177/13524585241293940.

Tortosa-Carreres, J. et al. 2025. Cross-platform analytical assessment of serum GFAP quantification in multiple sclerosis: SIMOA versus two automated immunoassays, abrufbar im Internet unter www.frontiersin.org/journals/neurology/articles/10.3389/fneur.2025.1682198/full.

Uphaus, T. et al. 2021. NfL predicts relapse-free progression in a longitudinal multiple sclerosis cohort study, abrufbar im Internet unter www.pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34571362/.