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Initiative Selbsthilfe Multiple Sklerose Kranker e. V.

Multiple Sklerose und Tuberkulose: Wo liegen die Interessen der Pharmaindustrie?

Christiane Fischer, Blickpunkt-Ausgabe 02/2026

Die Entwicklung neuer Medikamente muss sich für die Pharmaindustrie lohnen – Krankheitslast und Versorgungsbedarf spielen demnach oft keine Rolle bei der Frage, in welchen Bereichen geforscht und für welche Krankheiten welche Medikamente auf den Markt gebracht werden. Multiple Sklerose und Tuberkulose sind dafür gute Beispiele.

Hintergrund

Tuberkulose (TB) ist eine der tödlichsten Infektionskrankheiten weltweit. Über 85 % aller Neuerkrankungen konzentrieren sich auf Länder des Globalen Südens, insbesondere in Südostasien, der westlichen Pazifikregion und in Afrika. 10,7 Mio. Menschen erkrankten hier zuletzt pro Jahr neu.

Über 1,2 Mio. Menschen sterben jährlich an Tuberkulose, obwohl die Krankheit behandelbar ist. Eine klassische Antibiotikatherapie ist allerdings langwierig und erfordert die Einnahme mehrerer Medikamente über mindestens sechs Monate. Im Globalen Süden verhindern hohe Kosten für Diagnostik und Medikamente gegen die resistente TB oft eine Behandlung. Dazu kommt, dass viele Standardmedikamente gegen die nicht resistente TB noch aus den 1960er-Jahren stammen (als TB auch noch in Deutschland und Europa gängiger war) und sich aus unterschiedlichen Gründen Resistenzen gebildet haben, neue Wirkstoffe aber nicht entwickelt werden. TB gilt auch als „Krankheit der Armen“, der Markt versagt hier.

In Deutschland und der gesamten EU/EWR ist TB heute eine seltene Erkrankung, deren Fallzahlen allerdings ebenfalls wieder leicht steigen. Die meisten Fälle in Europa betreffen ältere Personen (die sich in der Vergangenheit infiziert haben), Personen aus Regionen mit einer hohen Tuberkulosebelastung, Migrant*innen der ersten Generation und Personen, die sich mit dem HI-Virus infiziert haben und infolgedessen eine TB entwickeln. Auch hier gibt es Diagnoselücken.

Im Gegensatz zur TB ist die Multiple Sklerose (MS) kein „vernachlässigter Markt“ mit fehlender Forschung, sondern ein hochprofitabler Pharmabereich, in dem immer neue Wirkstoffe und Darreichungsformen entwickelt werden. Neue Therapien (z. B. monoklonale Antikörper) sind allerdings auch extrem teuer und haben eine starke Patentbindung. Das könnte vielleicht auch daran liegen, dass die Krankheit hauptsächlich im Globalen Norden diagnostiziert wird. Darüber existieren verschiedene Theorien, die auch schon im Beitrag „MS am Äquator“ (BP 1/2025) erläutert wurden. Weltweit leben schätzungsweise 2,8 Mio. Menschen mit MS, bis zu 100.000 neue Fälle kommen jährlich dazu.

Bedarfe und Zugänge

TB

Die nicht resistente TB wird mit dem DOTS-Programm (Directly Observed Treatment, Short-course) behandelt: Erkrankte nehmen vier verschiedene Antibiotika (die ersten zwei Monate vier, dann zwei) mindestens sechs Monate lang täglich unter Überwachung durch medizinisches Personal ein. Doch bei neuen TB-Fällen sind 3,2 % und bei bereits vorbehandelten Patient*innen sogar 16 % resistent gegen diese Standardtherapie, man bezeichnet das auch als MDR-TB. In so einem Fall müssen noch nebenwirkungsreichere Medikamente bis zu zwei Jahre eingenommen werden. Dadurch gibt es hohe Abbruchraten und in der Folge noch mehr Resistenzen. Zudem werden viele Fälle nicht erkannt, da es oft keine Resistenztestung gibt und viele Kranke keinen Zugang zu molekularer Diagnostik haben. MDR-TB wird so oft als „normale TB“ behandelt, und es entstehen weitere Resistenzen, sodass die Medikamente manchmal gar nicht mehr wirken (die sogenannte extreme resistente oder XDR-TB.)

Eines der wenigen neuen Medikamente ist Bedaquilin. Heute liegt der Preis bei 90–130 US$ für sechs Monate – und man muss es bis zu zwei Jahre einnehmen. Im Vergleich: Kosten von DOTS bei nicht resistenter Tuberkulose in Ländern mit niedrigem/mittlerem Einkommen liegen bei ca. 20–40 US$ pro Patient*in für die gesamte 6-Monats-Therapie. Und das macht bei 10,7 Mio. Erkrankten im Jahre 2024 einen gewaltigen Unterschied.

Bedaquilin wurde von der Firma Johnson & Johnson (J&J) entwickelt und patentiert. Das ursprüngliche Patent lief je nach Land bis 2023 oder 2024. Durch „Evergreening“ wurde die Patentlaufzeit in vielen Ländern bis 2027 künstlich verlängert, was zu Kritik von Organisationen wie Médecins Sans Frontières (Ärzte ohne Grenzen) geführt hat. Tatsächlich blockiert so eine Verlängerung die Entwicklung und Bereitstellung günstigerer Generika auf dem Markt.

Der Druck zeigte Wirkung – J&J hat 2023 angekündigt, in vielen Ländern keine Patente mehr durchzusetzen. Doch dies ist kein formaler Patentverzicht, sondern nur eine Selbstverpflichtung der Firma. Sie gilt nur für Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen – nicht global. J&J behält damit weiterhin die Kontrolle über wichtige Märkte, kann aber die Selbstverpflichtung gut für die eigene Darstellung vermarkten.

MS

Die Therapie der MS hat sich in den letzten Jahren erheblich geändert, viele neue Wirkstoffe sind auf den Markt gelangt. Allerdings ist die Wirksamkeit vieler neuer MS-Medikamente umstritten. Zusätzlich bestehen erhebliche Zugangsbarrieren wie hohe Kosten der Therapien, Unterschiede in nationalen Erstattungssystemen oder dem generell eingeschränkteren Zugang in Ländern mit niedrigem Einkommen.
Die forschenden Unternehmen argumentieren, die Entwicklung neuer Medikamente sei kostenintensiv, etwa 2,2–2,3 Mrd. US$ pro Medikament. Darin stecken allerdings auch die Kosten für fehlgeschlagene Projekte und entgangene Gewinne. Von unabhängiger Seite gibt es deshalb erhebliche Zweifel an diesen Zahlen. So kommt die der WHO angeschlossene Drugs for Neglected Diseases Initiative (DNDi) zu deutlich niedrigeren Kosten: Sie geht bei neuen chemischen Wirkstoffen von 60–190 Mio € pro Medikament aus und bei einfacheren Projekten (z. B. Umwidmung bestehender Wirkstoffe) von nur 4–32 Mio. €. 

Public Pharma als Lösung

Eine Möglichkeit, solchen Entwicklungen entgegenzutreten, ist das Konzept Public Pharma, bei dem die Erforschung, Entwicklung, Herstellung und Verteilung von Medikamenten in öffentlicher Hand liegt oder stark staatlich kontrolliert ist. Das System stellt die Gesundheitsversorgung und das Gemeinwohl über private Profitinteressen.

Wenn Wirkstoffe gegen Erkrankungen als öffentliches Gut statt als kommerzielle Ware öffentlich finanziert, entwickelt, produziert und vertrieben werden, wären sie wesentlich günstiger, die Abhängigkeit von globalen Pharmakonzernen wäre verringert und der Zugang für alle Menschen auf der Welt gewährleistet. Zugang bedeutet, dass Patient*innen die benötigten Medikamente rechtzeitig, in ausreichender Menge und zu bezahlbaren Preisen erhalten. Dies ist essenziell für die Verwirklichung des Menschenrechts auf den höchstmöglichen Gesundheitszustand.

In Bezug auf die TB würde das bedeuten, dass neue günstige Medikamente auf den Markt gebracht werden können. Dazu gibt es ermutigende Beispiele, etwa der TB Alliance, die neue TB-Medikamente als gemeinnützige Organisation mit Fokus auf bezahlbare Therapien entwickelt. Auch der Medicines Patent Pool ermöglicht die Generika-Produktion durch freiwillige Lizenzen. Das Open Source Drug Discovery schließlich nutzt offene Forschung zur Entwicklung günstiger TB-Medikamente.

Für die MS würde das Public Pharma bewirken, dass der Zugang zu nachgewiesen wirksamen MS-Therapien global durch staatliche Produktion, öffentliche Finanzierung klinischer Studien oder eine Preisregulierung verbessert wird. Um die mangelhafte Wirksamkeit bestehender MS-Therapien zu erklären, sollte universitäre und unabhängige Forschung außerdem noch einmal die Grundlagen der Erkrankung ins Auge fassen, um genau klären zu können, welche Ursachen die Krankheit überhaupt hat.

Quellen

AOK 23.3.2026. WHO: Jeder fünfte Tuberkulose-Fall in Region Europa bleibt unerkannt, abrufbar im Internet unter www.aok.de/pp/gg/update/who-bericht-zu-tuberkulose/.

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Bhigjee, A. I. et al. 2007. Multiple sclerosis in KwaZulu-Natal, South Africa: An epidemiological and clinical study, abrufbar im Internet unter www.pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17967837/.

Compston, A./Coles, A. 2008. Multiple sclerosis, abrufbar im Internet unter www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(08)61620-7/abstract.

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Johnson & Johnson 2023. Johnson & Johnson confirms intent not to enforce patents for SIRTURO® (bedaquiline) for the treatment of multidrug-resistant tuberculosis in 134 low- and middle-income countries, abrufbar im Internet unter www.jnj.com/media-center/press-releases/johnson-johnson-confirms-intent-not-to-enforce-patents-for-sirturo-bedaquiline-for-the-treatment-of-multidrug-resistant-tuberculosis-in-134-low-and-middle-income-countries.

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Medecins Sans Frontieres 17.11.2014. R&D cost estimates – MSF response to Tufts CSDD study on cost to develop a new drug, abrufbar im Internet unter www.msfaccess.org/rd-cost-estimates-msf-response-tufts-csdd-study-cost-develop-new-drug.

The Medicines Patent Pool (MPP), abrufbar im Internet unter www.medicinespatentpool.org.

Stop TB Partnership 2023. Treatment regimens for drug resistant TB will see a price drop up to 29 %, abrufbar im Internet unter www.stoptb.org/news/stop-tbs-global-drug-facility-announces-historic-price-reductions-55-bedaquiline-life-saving.

TB Alliance. Transforming TB treatment, abrufbar im Internet unter www.tballiance.org.

World Health Organization (WHO) 2025. WHO Model Lists of Essential Medicines, abrufbar im Internet unter www.who.int/groups/expert-committee-on-selection-and-use-of-essential-medicines/essential-medicines-lists.

World Health Organization (WHO) 2024. Global Tuberculosis Report 2024, Kap. 3: Drug-resistant TB, abrufbar im Internet unter www.who.int/teams/global-programme-on-tuberculosis-and-lung-health/tb-reports/global-tuberculosis-report-2024/tb-disease-burden/1-3-drug-resistant-tb.

World Health Organization (WHO) 2022. Global Tuberculosis Report 2022, COVID-19 and TB, abrufbar im Internet unter www.who.int/teams/global-programme-on-tuberculosis-and-lung-health/tb-reports/global-tuberculosis-report-2022/covid-19-and-tb.

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