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Initiative Selbsthilfe Multiple Sklerose Kranker e. V.

Warum Public Pharma für Menschen mit Multipler Sklerose ein Hoffnungsträger ist

Jan Wintgens, Blickpunkt-Ausgabe 04/2025

Stellen Sie sich vor: Ein Forschungssystem, das sich nicht danach richtet, welche Medikamente den größten Umsatz versprechen, sondern danach, was Patient*innen wirklich brauchen. Für Menschen mit Multipler Sklerose (MS) wäre das ein Wendepunkt. Zwar hat die Pharmaindustrie in den vergangenen Jahrzehnten wirksame Therapien hervorgebracht, doch zu welchem Preis? Viele Bedürfnisse bleiben weiterhin unberücksichtigt: Fatigue, Depressionen, alltagsnahe Rehabilitationsmethoden oder schlicht die Frage, wie Medikamente bezahlbar bleiben können. Hier setzt die Idee von Public Pharma an – ein gemeinwohlorientiertes Modell, das in anderen europäischen Ländern bereits erste Formen angenommen hat und auch in Deutschland dringend diskutiert werden sollte.

Was ist Public Pharma?

Public Pharma ist ein Ansatz, den internationale Gesundheitsbewegungen wie das People’s Health Movement (PHM) entwickelt haben. Die Idee: Forschung, Entwicklung, Herstellung und Verteilung von Medikamenten sollen nicht mehr allein von privatwirtschaftlichen Interessen gesteuert werden, sondern von öffentlichen Strukturen, die sich am Bedarf der Patient*innen orientieren. Das bedeutet mehr demokratische Verantwortung, transparente Studien und eine klare Prioritätensetzung nach gesundheitlichen Notwendigkeiten statt nach Profiterwartungen.

Public Pharma in Europa

Ein Blick nach Europa zeigt, dass diese Idee keine ferne Utopie ist. In Schweden hat das staatliche Unternehmen APL seine Antibiotikaproduktion nach der Covid-19-Pandemie erweitert und beweist damit, dass eine öffentliche Arzneimittelproduktion nicht nur möglich, sondern auch krisenfest sein kann. In Frankreich wiederum wird im Senat mit dem Pôle Public du Médicament eine neue Struktur diskutiert, die Forschung, Herstellung und Versorgung von Medikamenten langfristig absichern soll. Solche Beispiele könnten für Deutschland wegweisend sein – auch und gerade im Bereich der Multiplen Sklerose.

Was sind die Vorteile?

Fördermittelbereitstellung und gezielte Forschung

Denn eines der größten Probleme im heutigen Pharmasystem ist die einseitige Ausrichtung auf Blockbuster-Präparate. Private Unternehmen investieren vor allem dort, wo hohe Gewinne winken. Für MS-Betroffene bedeutet das: Verlaufsmodifizierende Therapien werden zwar stetig weiterentwickelt, doch andere dringende Fragen bleiben unbeantwortet. Fatigue etwa zählt zu den am stärksten belastenden Symptomen der Erkrankung, doch die Forschung zu wirksamen Behandlungsstrategien ist dünn. Auch neue Kombinationstherapien oder bessere Rehabilitationsmaßnahmen sind für die Industrie weniger lukrativ und werden daher kaum erforscht. Ein öffentliches Pharmawesen könnte hier gezielt Fördermittel bereitstellen und Forschung in den Bereichen anstoßen, die Patient*innen im Alltag wirklich entlasten.

Eine fairere Priorisierung

Gleichzeitig könnte Public Pharma für eine fairere Priorisierung sorgen. Während die Industrie Themen wie kognitive Beeinträchtigungen oder psychische Belastungen von MS-Betroffenen oft ignoriert, könnte eine öffentliche Struktur diese Aspekte stärker in den Mittelpunkt rücken. Der entscheidende Unterschied: Welche Projekte verfolgt werden, würde nicht in den Vorstandsetagen von Konzernen entschieden, sondern in einem transparenten demokratischen Prozess, der Patient*innen, Ärzt*innen und Wissenschaftler*innen einbindet und insgesamt das Patient*innenbedürfnis priorisiert.

Kostenreduktion

Auch beim Thema Kosten könnte Public Pharma eine spürbare Entlastung bringen. Viele MS-Medikamente kosten mehrere zehntausend Euro pro Jahr und stellen damit eine enorme Belastung für Krankenkassen und letztlich für die Gesellschaft dar. Öffentliche Produktionsstätten könnten Generika und Biosimilars entwickeln, die deutlich günstiger sind, ohne dass Patient*innen an Qualität einbüßen müssten. Zudem würde der Wettbewerb mit privaten Herstellern fairer – Monopolpreise hätten weniger Chancen, sich durchzusetzen. Diese Entlastung könnte an anderer Stelle wieder eingesetzt werden.

Bessere Transparenz

Ein weiterer entscheidender Punkt ist die Transparenz. Immer wieder kommt es vor, dass negative Ergebnisse aus klinischen Studien nicht veröffentlicht werden. Dadurch entsteht ein schiefes Bild von der Wirksamkeit und Sicherheit neuer Medikamente. Public Pharma würde dafür sorgen, dass alle Studiendaten öffentlich zugänglich sind – die positiven ebenso wie die negativen. Das schafft Vertrauen und erleichtert Ärzt*innen wie Patient*innen die Entscheidung für oder gegen eine Therapie.

Globale Gesundheitsgerechtigkeit

Nicht zuletzt geht es auch um globale Gerechtigkeit. Während in Europa viele moderne Therapien verfügbar sind, sieht die Realität im globalen Süden ganz anders aus. Dort bleibt MS oft unbehandelt, weil Medikamente schlicht nicht erhältlich sind oder zu teuer verkauft werden. Public Pharma könnte Wissen und Technologien teilen, lokale Produktionskapazitäten fördern und so den Zugang zu wirksamen Therapien weltweit verbessern. Es wäre ein Modell der Solidarität – ein Schritt weg von Exklusivität und hin zu echter Gesundheitsgerechtigkeit.

Public Pharma: Die Gesundheit im Zentrum

Die heutige Pharmaindustrie hat zweifellos Erfolge vorzuweisen, aber sie ist strukturell darauf ausgelegt, Gewinne zu maximieren, nicht Bedürfnisse zu erfüllen. Für Menschen mit Multipler Sklerose bedeutet das steigende Preise, Versorgungslücken und das Gefühl, dass ihre dringendsten Probleme im System kaum Beachtung finden. Public Pharma bietet einen anderen Weg: Forschung nach realem Bedarf, faire Priorisierung, bezahlbare Medikamente, offene Daten und ein gerechter Zugang – nicht nur in Europa, sondern weltweit.

Die Frage ist also nicht, ob wir uns Public Pharma leisten können, sondern ob wir uns leisten können, weiter allein auf das aktuelle System zu vertrauen. Denn die Probleme werden größer, nicht kleiner. Für MS-Betroffene könnte Public Pharma den Unterschied machen – zwischen einem System, das sie als Markt betrachtet, und einem, das ihre Gesundheit ins Zentrum stellt.

Quellen