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Initiative Selbsthilfe Multiple Sklerose Kranker e. V.

Wie behandelt man MS? - Teil 6: Ergänzende Therapien

Christiane Fischer, Blickpunkt-Ausgabe 04/2025

Neben den in den letzten Heften vorgestellten medikamentösen Therapien gegen MS wird hier als Abschluss der Serie ein Überblick über ergänzende Therapieformen gegeben.

Was ist MS?

MS ist eine entzündliche Erkrankung des Zentralen Nervensystems. So kommt es etwa durch eine Fehlsteuerung innerhalb des Immunsystems zur Bildung von Abwehrstoffen, die am Myelin, den Nervenzellen und ihren Nervenfasern Schädigungen verursachen können. Warum das so ist, ist bis heute ungeklärt. Ein Blick zurück in die Geschichte zeigt: MS wurde Mitte des 19 Jh. erstmals beschrieben. Demnach beginnt die Krankheit meist zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr, bei bis zu 5 % bereits vor dem 15. Geburtstag. Frauen erkranken fast doppelt so häufig wie Männer. Bei 80–90 % verläuft MS anfangs schubförmig und setzt plötzlich und unerwartet ein.

Expert*innen und Forschende sind sich uneins: Eine Mehrheit vermutet eine Autoimmunkrankheit und empfiehlt einen möglichst frühen medikamentösen Therapiebeginn. Fakt ist allerdings, dass die gängigen Medikamente (bis auf Kortison) höchstens bescheiden wirken, aber lebenslang eingenommen werden müssen. Von einer Heilung ist man auch deshalb weit entfernt, weil die Ursachenforschung nicht ergebnisoffen ist. Denn bei chronischen Krankheiten bringt die medikamentöse Therapie aus Sicht der Pharmaindustrie immer eine höhere Rendite als ein Heilmittel.

Nach wie vor können wir nur sehen, dass sich die Erkrankung mit verschiedenen Symptomen unterschiedlich äußert und die Schwere der Krankheit sehr stark variiert. Manche Betroffene haben gar keine oder milde Ausfälle, während andere schwer beeinträchtigt sind. Es gibt Schübe und (sehr) selten auch Besserungen. Die Symptome können kommen und gehen oder dauerhaft bestehen bleiben. Auch externe Faktoren beeinflussen die Krankheit, z. B. können Stress, Infektionen und Temperatur sie verschlimmern oder Schübe auslösen. Das Uhthoff-Phänomen bei Hitzeempfindlichkeit etwa kann einen Schub vortäuschen. Man spricht dann von einem Pseudoschub.

Häufige Symptome, die auftreten können, aber nicht müssen, sind:

  • Sehstörungen (verschwommenes Sehen bis zu Sehverlust);
  • Empfindungsstörungen (Taubheit, Kribbeln, Brennen);
  • Bewegungsstörungen (Muskelschwäche, Spastik, Ataxie);
  • Blasen- und Darmprobleme (Inkontinenz, Verstopfung, Durchfall);
  • Fatigue (ausgeprägte Müdigkeit, Erschöpfung);
  • Kognitive Beeinträchtigungen (Konzentrationsstörungen, Gedächtnisprobleme);
  • Schmerzen (neuropathische Schmerzen, Muskelschmerzen).

Als prognostisch ungünstig gelten männliches Geschlecht, höheres Alter bei Auftreten der ersten Symptome, hohe Schubfrequenz sowie kurzes Zeitintervall bis zum Erreichen einer ersten mäßiggradigen Behinderung.

Ergänzende und komplementäre Therapieansätze

Es wird von allen Seiten zu komplementären Therapien geraten, um die Medikamentengabe zu ergänzen. Denn diese Therapien können dazu beitragen, Symptome zu lindern, das Wohlbefinden zu steigern und den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen. Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Neurolog*innen, Physiotherapeut*innen, Ergotherapeut*innen, Psycholog*innen, Sozialarbeiter*innen und alternativen Heiler*innen ist daher zielführend. Die gängigen ergänzenden und komplementären Therapieansätze bei MS sind etwa:

Physiotherapie: Sie verbessert Beweglichkeit, die Koordination und das Gleichgewicht. Sie beugt Muskelverkürzungen und der Entwicklung einer Spastik vor.

Ergotherapie: Sie fördert die Selbstständigkeit im Alltag und trainiert feinmotorische Fähigkeiten.

Logopädie: Sie wird eingesetzt bei Sprach-, Sprech- oder Schluckstörungen.

Feldenkrais: Ziel ist, das Bewusstsein zu schulen und eine klarere Empfindung von sich selbst zu entwickeln.

Sport und Bewegung: Moderate Bewegung (z. B. Yoga, Schwimmen, Radfahren) kann Fatigue mindern und das Wohlbefinden steigern.

Psychotherapie hilft bei der Bewältigung von Ängsten, Depression und zur Steigerung der Krankheitsakzeptanz.

Achtsamkeit und Meditation sind gut für den Stressabbau und den Umgang mit Fatigue und erhöhen die Konzentration. Da Stress einen direkten Einfluss auf das Immunsystem haben kann, werden Mind-/Body-Therapien wie Hypnose, Meditation, Bioresonanz, Visualisierung und Qi Gong bei MS eingesetzt.

Entspannungstechniken: Diverse Techniken stehen zur Verfügung. Vor allem werden Autogenes Training, Tai-Chi, Yoga oder progressive Muskelentspannung angewandt.

Kneipp: Die kalten Güsse führen oft dazu, dass MS-Betroffenen gymnastische Übungen leichter fallen.

Zur Bekämpfung der Entzündung werden verschiedene Ernährungsformen und Diäten empfohlen, etwa die Swank-Diät, die Paleo-Diät, die Evers-Diät oder die Ernährungs- und Stoffwechseltherapie nach Fratzer/Hebener. Eine mediterrane Ernährung mit viel Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten, Nüssen, Fisch und Olivenöl soll grundsätzlich entzündungshemmend und dadurch gesundheitsfördernd wirken und neuroprotektive Effekte mit sich bringen.

Da ein Vitamin-D-Mangel oft mit MS assoziiert ist, wird eine Vitamin-D-Supplementierung MS-Betroffenen im Frühstadium oft empfohlen, ebenso weitere Nahrungsergänzungsmittel wie Omega-3-Fettsäuren.

Aus der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) kann die Akupunktur z. B. Schmerzen oder die Spastik lindern.

Die Cranio-Sacrale-Therapie ist eine sanfte, nicht invasive Therapie. Durch Berührungen können Blockierungen am ganzen Körper erkannt und gelöst werden.

Am umstrittensten und nicht wissenschaftlich belegt sind die Homöopathie sowie die Einnahme von Schüssler-Salzen, aber sie haben oft einen großen subjektiven Nutzen – und wer heilt, hat Recht.

Cannabinoide (z. B. Nabiximols/Sativex®) sind seit 2011 bei schweren Spastiken zugelassen.

Nicht alle ergänzenden Therapien sind für alle MS-Betroffenen gleich wirksam, und einige dieser Therapien sind teuer, da sie nicht von Versicherungen abgedeckt werden.

Fazit

Die Fülle von ergänzenden und komplementären Therapien zeigt, dass im Grunde genommen niemand weiß, woher MS kommt und wie die Erkrankung am besten zu behandeln ist. Fakt ist, dass außer beim akuten Schub die MS-Medikamente nur eingeschränkt wirksam sind. Daher müsste die Ursachenforschung zu MS neu betrieben werden. Aus Sicht der Pharmaindustrie wäre die Heilung von MS jedenfalls ein großer monetärer Verlust, daher müsste die Forschung von staatlichen oder halbstaatlichen Stellen wie Universitäten betrieben werden. Public Pharma könnte dabei eine entscheidende Rolle spielen (siehe auch den aktuellen Artikel dazu auf S. 7 in diesem Heft).

Quellen