Resilienzstrategien bei MS

Heike Führ, Blickpunkt-Ausgabe 01/2022

Kluge Ratschläge bekommt man gerne mal – auch von Menschen, die so gar keine Ahnung haben. Man ist dadurch kein Stück weiter: Im Gegenteil, denn oft muss man sich auch noch rechtfertigen. Jeder Mensch hat seinen Weg, mit der eigenen Erkrankung umzugehen. Dabei aber auch immer einmal wieder über den eigenen Tellerrand zu schauen, kann wirklich hilfreich sein. Und statt der „Rat-Schläge“ können uns liebevolle Tipps, die freundlich vorgebracht werden, tatsächlich ab und an auch dabei helfen, unser Leben aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Perspektivwechsel und Sichtweisen

neun oder sechs

Schauen Sie sich die Zahlen 9 oder 6 einmal genau an. Je nachdem, aus welcher Richtung man sie betrachtet, kann es eine 6 oder auch eine 9 sein, und jede*r hat aus dem eigenen Blickwinkel heraus Recht. Dies ist ein gutes Beispiel für das Einnehmen von Perspektiven. So könnte man auch einmal auf seine MS schauen – von außen sozusagen. Vielleicht ändert sich dann auch etwas in der eigenen Sichtweise.

Krankheitsbewältigung und Resilienz

Sich gut zu reflektieren, seine Krankheit genau zu kennen und sich gut im Rahmen der individuellen Möglichkeiten zu bewegen: Das ist das Ziel jeder Form der Krankheitsbewältigung. Resilienz ist das Fachwort dafür. Es bedeutet, dass man einen guten Umgang mit seiner Erkrankung erlernen kann, dass man eine Art Anpassungsfähigkeit an die Gegebenheiten entwickelt.
Jetzt mögen Sie vielleicht sagen: „So einfach geht das nicht!“ und Sie haben Recht. Es kann ein harter Weg werden, und stolpern gehört dazu, das kann ich aus meiner Erfahrung heraus sagen. Und doch lohnt er sich!

Tatsächlich ist unser Alltag oft schon anstrengend genug – vollgepackt mit Dingen, die uns von uns selbst ablenken oder unsere Gedanken in Dauerschleifen halten. Aber in dem Moment, in dem man sich ganz bewusst auf sich selbst einlässt und sich sagt, dass man lernen möchte, einen neuen, einen besseren Umgang mit seiner MS zu finden, ist man schon auf dem Weg. Denn dann hat man erkannt, dass es vielleicht nicht schaden kann, das eigene Denken (oder auch eigene Routinen und Rituale, die vielleicht so keinen Sinn mehr ergeben) immer einmal wieder zu hinterfragen. In der Folge lernt man auch, mit seiner Umgebung so zu interagieren, dass eigenes Wohlbefinden gefördert und dem unguten Einfluss etwa von krankmachenden Faktoren Einhalt geboten wird.

Ich halte es deshalb auch für sinnvoll, dass man seine Angehörigen immer einmal wieder mit in die Perspektive nehmen sollte. Schließlich leben wir oft sehr eng miteinander, und der (Krankheits-)Alltag kann uns in Routinen zwingen, die sich ungut anfühlen. Wie sehen sie uns? Was empfinden sie, und wo ist es auch möglich, für sie oder mit ihnen neue Wege oder gar Kompromisse zu finden?

So betrachtet ist Krankheitsbewältigung quasi ein ständiger Perspektivwechsel, bei dem man sich selbst und andere gut beobachtet, um neu aufkommende oder bereits verfestigte Schwierigkeiten im Umgang mit der Erkrankung zu erspüren, zu benennen und aufzulösen. Genauso zeigt uns dieser Prozess aber auch unsere Stärken auf. Und diese dürfen wir nutzen, und zwar vollkommen! 😊

Der Weg ist das Ziel

Man kann sich anfangs, um es einfacher zu gestalten, auch einmal selbst Fragen stellen, etwa: Jammere ich vielleicht zu viel? Oder sage ich nie, wie es mir geht? Könnte ich dieses oder jenes mit ein bisschen Anstrengung vielleicht doch schaffen? Und wenn ja – würde es mir guttun und vielleicht sogar auch meinem Angehörigen? (Beispielsweise jemanden gemeinsam zu besuchen oder Besuch zu empfangen).

Wo sind genau hier meine Stärken, die ich ausbauen und an die jeweilige Situation sogar gut anpassen kann? Auch das alles ist „Resilienz“. Alle Strategien, und seien sie noch so klein, helfen uns hier weiter.

Niemand ist perfekt – auch das dürfen wir uns gerne immer einmal wieder ins Bewusstsein rufen. Manches ist nicht veränderbar, und doch gibt es Möglichkeiten und große Chancen, aus allem das Beste herauszuholen, sich aufzurappeln, zu motivieren und dann mit Glück und Erfolg belohnt zu werden. Oder mit einem Lächeln Ihres Angehörigen! 😊

Trauen Sie sich ruhig etwas zu. Gehen Sie in einer ruhigen Minute mal in sich… Überlegen Sie – schauen Sie von außen (wie von oben zum Beispiel) auf sich, auf Ihren Partner/Ihre Partnerin oder auf Sie beide als Paar (oder Bekanntschaft/Freundschaft). Was sehen Sie? Gibt es Möglichkeiten, Ihr Leben noch einfacher, positiver oder zufriedener zu gestalten?

Dafür braucht man keine Rat-Schläge! Man braucht nur den Willen, aus verschiedenen Perspektiven auf sich selbst und die Umgebung zu schauen. Und den Mut, kurz- oder langfristig auch etwas bewegen zu wollen. Trauen Sie sich! Seien Sie mutig! Versuchen Sie, sich eine positive Grundeinstellung zu erarbeiten und diese zu bewahren!
Am Wegesrand die Blumen sehen, das Lächeln eines Passanten genießen, ein Kinderlachen oder eine Schneeflocke wahrnehmen sowie ein lockender kleiner Sonnenstrahl, der Ihr Herz erwärmt: All das kann uns glücklich machen und lehren, solche Momente bewusst zu genießen und auch in weniger guten Momenten auf sie zurückzuschauen – sie in sich zu bewahren.

Ich habe es geübt, immer und immer wieder – und ich übe immer noch! Und ich kann feststellen, dass es mein Leben verschönert und vor allem vereinfacht, wenn man die Perspektive wechselt und damit den ersten Schritt in Richtung guter Krankheitsbewältigung geht!

Ich wünsche Ihnen den Blick für das Unscheinbare, das Kleine, was ganz groß werden kann und das innere Schmunzeln, wenn Sie sich auf den Weg machen! 😊

Herzlichst
Heike Führ