Von Christian Wingrove-Rogers, Blickpunkt 04/2022

Der weise Gelehrte erzählte seiner kleinen Gruppe von Schülern eine Geschichte. In seinen Augen waren sie alle Suchende, und er vermied es, sie aufgrund ihres Intellekts oder ihrer Tugenden ungleich zu behandeln.

Viele Geschichten hatte er im Lauf seines langen Lebens gesammelt. Diese zu erzählen bereitete ihm aber eine besondere Freude – war sie doch auch die Lieblingsgeschichte seines Lehrers gewesen, der zu den angesehensten seiner Zunft gehört hatte.
Und so reihte sich Wort um Wort mit einer solchen Begeisterung aneinander, als sei er Teil der Geschichte – eine Geschichte, die gehört, die verstanden werden wollte.

Von Zeit zu Zeit hielt er inne, um einen Schluck Wasser zu trinken und den Worten den Weg in die Gedanken der Zuhörer zu ermöglichen. Während einer dieser Pausen erhob ein Student das Wort.

„Lehrer, ich verstehe den Sinn Eurer Geschichte nicht.“

„Zunächst einmal ist das nicht meine Geschichte, mein Freund, und wir sind auch noch nicht am Ende angekommen“.

„Das mag ja sein, aber ich verstehe trotzdem nicht, was Ihr mir sagen möchtet. Wenn ich Euch bis jetzt nicht folgen konnte, wie soll ich dann den Rest verstehen?“

„Kannst du denn wissen, wie viele Sandkörner das Meeresufer beherbergt, wenn du nur eine Handvoll von ihnen zu zählen vermagst?“

„Meister, das kann ich nicht, aber Eure Worte sind kompliziert, und ich erahne nicht einmal ihre Bedeutung.“

Tatsächlich war dieser Student dem Lehrer bereits häufiger durch dessen rastlose, ungeduldige und nervöse Art aufgefallen. Er war deshalb kein schwieriger Student – es bedeutete aber, dass sein Weg steiniger als nötig sein würde.

„Manchmal ist es wichtig, einfach nur zuzuhören“, antwortete ihm nun der Lehrer.

„Eure Worte verwirren mich, weil die Geschichte so kompliziert ist. Ich kann mich gar nicht konzentrieren, weil ich so damit beschäftigt bin, alles zu verstehen.“

„Das ist sehr schade, denn Sinn der Geschichte ist ja nicht, dich zu verwirren, sondern sie zu begreifen. Vielleicht solltest du versuchen, einfach zuzuhören.”

Der Student war in seinem Element, und seine Ungeduld schien noch zu wachsen. Auch einer interessierten Zuhörerschaft konnte er sich nun sicher sein.

„Eure Geschichte gleicht dem alten Obstbaum am Rand des Dorfes, der mit dem verwachsenen Stamm. So viele Äste hat er, dass die Farben seiner zahllosen Blüten im Frühling das Auge geradezu blenden, und dessen betäubender Duft das Atmen schwer macht. Im Sommer findet niemand den Weg durch das Gestrüpp, um an seine Früchte zu gelangen – und wenn es doch jemandem gelingt, kann er sie niemals alle ernten, sodass viele am Ast verfaulen müssen. Im Herbst können die Kinder ihn nicht erklimmen, um dort zu spielen, einfach, weil er so dicht ist. Und im Winter schließlich sammelt sich so viel Schnee auf ihm an, dass er unter der Last zu zerbrechen droht. Genauso verhält es sich mit der Geschichte, die Ihr uns hier zu erzählen versucht.“

Während der Schüler noch sprach, trank der Lehrer ruhig einen weiteren Schluck Wasser. Dann hob er die Augen und sah den jungen Mann mit großem Mitgefühl an.

„Gerade bei diesem Baum habe ich zusammen mit den anderen Kindern aus dem Dorf immer das Spiel der Sonnenstrahlen auf Knospen und Blüten im Frühjahr bewundert. Im Sommer lagen wir unter den ausladenden Zweigen und genossen den Schatten, den sie uns bei großer Hitze spendeten. Im frühen Herbst saßen wir dort erwartungsvoll beisammen, bis seine süßen Früchte zu uns herunterfielen – lachend hoben wir sie auf und aßen sie mit dem größten Vergnügen. Wenn dann der Winter gekommen war, sahen wir, wie der Baum unter seinem Schneekleid still ausruhte und wussten genau, dass er stark war und niemals unter seiner Last, so groß sie auch sein mochte, zusammenbrechen würde“.

Der Student neigte den Kopf und sagte jetzt: „Von allen Jahreszeiten hat mir als Kind immer der Sommer am besten gefallen. Dann saß auch ich unter genau diesem Baum, lehnte mich an seinen starken Stamm, fühlte mich durch seinen gewaltigen Schatten stets geschützt und durchlebte im Geist noch einmal die Geschichten, die ich zuvor gehört hatte“.