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Initiative Selbsthilfe Multiple Sklerose Kranker e. V.

Ein Lied über MS

Martin Honcu, Blickpunkt-Ausgabe 02/2026

Neulich habe ich auf YouTube einen deutschsprachigen Song über Multiple Sklerose gehört. Vielleicht fragt ihr euch jetzt, was ein Lied mit Sport zu tun hat – eine berechtigte Frage. Denn viele von uns leben mit der Realität, dass Sport nicht mehr in der Form möglich ist, wie wir ihn einmal kannten. Und doch hat dieser Song etwas in mir ausgelöst – nicht nur gedanklich, sondern ganz konkret spürbar in meinem Körper. Bevor ich euch mehr darüber erzähle, lade ich euch ein, eine kleine Auszeit zu nehmen: Nehmt euch vier Minuten Zeit, hört den Song bewusst an und achtet dabei auf euch. Vielleicht entdeckt ihr etwas, das euch überrascht.

Hier findet ihr ihn: https://www.youtube.com/watch?app=desktop&v=lvWzpYE-Qg0&ra=m

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Und – hat der Song etwas mit euch gemacht? Habt ihr euch beobachtet? Vielleicht hat ein Finger unwillkürlich den Takt mitgeklopft, eure Hand hat sich bewegt, der Kopf ist weich im Rhythmus mitgegangen – oder ihr hattet sogar den Impuls, euch ein wenig zu bewegen oder zu tanzen? Musik, vor allem wenn sie uns emotional berührt, lässt uns selten ganz unbeteiligt zurück. Gerade bei MS sind es oft die kleinen Bewegungen, die zählen. Jeder von uns bewegt sich im Rahmen seiner Möglichkeiten – und genau das ist entscheidend. Es geht nicht um „mehr“, sondern um das, was möglich ist. Und wenn man solche kleinen Impulse regelmäßig zulässt, kann daraus etwas entstehen: ein bisschen mehr Ausdauer oder einfach ein stärkeres Körpergefühl.

Vielleicht merkt ihr nach einiger Zeit, dass ihr nicht mehr nur eine Minute im Takt mitgehen könnt, sondern schon eineinhalb. Die Fortschritte mögen klein erscheinen und sind für andere vielleicht kaum sichtbar – aber sie sind da. Und sie sind wichtig.

Mich hat der Song XMS so sehr beschäftigt, dass ich wissen wollte, wer dahintersteckt – und was die Künstlerin dazu bewegt hat, ein Lied über die Krankheit zu schreiben. Deshalb habe ich mich mit TinaMarina getroffen und mit ihr über ihre Intention, ihre Erfahrungen und die Kraft der Musik gesprochen.

Entstehung des Songs & persönliche Motivation

Was war der Auslöser dafür, einen Song über MS zu schreiben?

Der Auslöser war vor allem die Nähe zu den Menschen, die mit dieser Krankheit leben müssen. Durch meine Arbeit als Pflegekraft habe ich erlebt, wie sehr MS das Leben verändert – körperlich, aber auch emotional. Gleichzeitig habe ich gesehen, wie viel Stärke, Würde und Lebenswillen viele Betroffene trotz allem zeigen. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass Worte allein nicht ausreichen. Musik kann Gefühle transportieren, die man oft nicht erklären kann. Deshalb wollte ich einen Song schreiben, der genau diese Realität hörbar macht.

Gab es eine bestimmte Begegnung oder Situation aus deiner Arbeit als Pflegekraft, die dich besonders geprägt hat?

Ja, es gab viele bewegende Momente. Besonders geprägt haben mich Gespräche mit Menschen, die nach außen stark wirken, innerlich aber oft Angst, Erschöpfung oder Unsicherheit tragen. Mich hat beeindruckt, wie manche trotz Schmerzen oder Einschränkungen nie ihren Humor oder ihre Hoffnung verloren haben. Diese Begegnungen haben mir gezeigt, wie wichtig Menschlichkeit und Zuhören sind – und genau dieses Gefühl wollte ich in den Song einfließen lassen.

Wann war dir klar: Diese Geschichte muss musikalisch erzählt werden?

Das wurde mir klar, als ich gemerkt habe, wie wenig viele Menschen wirklich über MS wissen. Viele sehen nur das Äußere und verstehen nicht, was im Inneren passiert. Musik erreicht Menschen emotional oft direkter als reine Informationen. Ich wollte keinen medizinischen Vortrag, sondern Gefühle sichtbar machen. In dem Moment wusste ich: Diese Geschichte gehört in einen Song.

Nähe zur Lebensrealität mit MS

Wie hast du versucht, die Gefühle von Menschen mit MS im Song einzufangen?

Mir war wichtig, nicht nur die Krankheit selbst zu beschreiben, sondern das emotionale Erleben dahinter. Dieses Wechselspiel aus Hoffnung, Kampf, Müdigkeit, Unsicherheit und gleichzeitig Mut. Ich habe versucht, den Song so zu schreiben, dass Betroffene sich verstanden fühlen und andere einen kleinen Einblick bekommen, wie sich diese unsichtbaren Kämpfe anfühlen können.

Welche Aspekte von MS waren dir besonders wichtig?

Vor allem die unsichtbaren Symptome. Viele denken bei MS nur an körperliche Einschränkungen, aber Fatigue, emotionale Belastung oder die ständige Ungewissheit sind oft genauso schwer. Mir war wichtig zu zeigen, dass Menschen mit MS nicht „nur krank“ sind, sondern Menschen mit Träumen, Gefühlen und einer unglaublichen inneren Stärke.

Was würdest du sagen: Was verstehen Außenstehende oft falsch an dieser Krankheit?
Viele glauben, wenn jemand äußerlich „normal“ wirkt, könne es ihm nicht so schlecht gehen. Aber MS ist oft eine unsichtbare Krankheit. Fatigue oder neurologische Symptome sieht man nicht sofort. Außenstehende unterschätzen häufig, wie anstrengend selbst alltägliche Dinge für Betroffene sein können. Mehr Verständnis und weniger vorschnelle Urteile wären deshalb unglaublich wichtig.

Botschaft an Betroffene

Welche Botschaft möchtest du Menschen mit MS damit geben?

Dass sie nicht allein sind. Dass ihre Gefühle berechtigt sind. Und dass ihre Stärke nicht daran gemessen wird, immer perfekt funktionieren zu müssen. Der Song soll Mut machen und gleichzeitig zeigen: Es ist okay, auch schwache Momente zu haben.

Was bedeutet für dich „Stärke“, wenn es um eine chronische Erkrankung geht?

Stärke bedeutet nicht, niemals zu fallen. Stärke bedeutet, jeden Tag trotzdem weiterzumachen – selbst wenn der Weg schwer ist. Manchmal ist Stärke einfach nur aufzustehen, obwohl der Körper oder die Seele erschöpft sind.

Gibt es eine Textzeile im Song, die dir besonders wichtig ist – und warum?

„…du bist stärker als du glaubst…“
Diese Zeile bedeutet mir besonders viel, weil sie genau das ausdrückt, was ich Betroffenen mitgeben möchte: Hoffnung, Verständnis und das Gefühl, gesehen zu werden.

Wirkung nach außen: Angehörige & Gesellschaft

Glaubst du, dass Musik helfen kann, mehr Verständnis für unsichtbare Symptome wie Fatigue zu schaffen?

Ja, absolut. Musik erreicht Menschen emotional. Ein Song kann Gefühle vermitteln, die man mit Fakten allein schwer erklären kann. Wenn jemand durch Musik beginnt mitzufühlen, statt nur zuzuhören, entsteht Verständnis auf einer tieferen Ebene.

Welche Rolle kann Kunst deiner Meinung nach im Umgang mit Krankheit spielen?

Kunst kann Menschen eine Stimme geben. Sie kann Trost spenden, Mut machen und Themen sichtbar werden lassen, über die sonst wenig gesprochen wird. Gerade bei Krankheiten schafft Kunst oft Verbindung – zwischen Betroffenen, Angehörigen und der Gesellschaft.

Rückmeldungen & Resonanz

Welche Reaktionen hast du bisher auf den Song erhalten – besonders von Menschen mit MS?

Viele Rückmeldungen waren sehr emotional. Einige Betroffene haben mir gesagt, dass sie sich zum ersten Mal wirklich verstanden gefühlt haben. Genau das bedeutet mir unglaublich viel, weil es zeigt, dass Musik Menschen erreichen und berühren kann.

Hat sich durch die Veröffentlichung dein Blick auf MS oder deine Arbeit verändert?

Ja, ich habe noch stärker gemerkt, wie wichtig Aufklärung und Empathie sind. Der Song hat mir gezeigt, dass viele Menschen gehört werden möchten – nicht nur medizinisch, sondern auch emotional.

Persönlicher Blick & Ausblick

Wenn du unseren Leser*innen einen Gedanken mitgeben dürftest – welcher wäre das?

Dass man Menschen nie nur nach dem beurteilen sollte, was man von außen sieht. Jeder trägt Kämpfe in sich, die andere vielleicht nicht erkennen. Mehr Mitgefühl, mehr Zuhören und mehr Menschlichkeit können unglaublich viel verändern.