
Niedrigseil-Parcours und inklusiver Hochseilgarten - Ein Abenteuer zwischen den Baumwipfeln
Martin Honcu, Blickpunkt-Ausgabe 03/2026
Wer von euch kennt nicht solche Momente, in denen man mit Freunden unterwegs ist und als Rollstuhlfahrer nur zuschauen kann, was die anderen erleben? Oft sind es gerade die schönsten und scheinbar einfachsten Aktivitäten, an denen ich nicht teilnehmen kann. Natürlich bin ich unglaublich dankbar für das, was ich erleben darf, für das, was ich kann, und für die Menschen, die mich begleiten. Trotzdem gibt es Situationen, in denen es weh tut, an die eigenen Grenzen erinnert zu werden. Das gehört für mich zum Leben dazu. Gerade deshalb sind die besonderen Momente, die möglich sind, umso wertvoller. Sie zeigen mir immer wieder, wie wichtig es ist, das Leben bewusst zu genießen. Eine solche Überraschung durfte ich vor Kurzem im Marburger Stadtwald erleben. Dort betreibt die Jugendförderung Marburg ein Freizeitgelände sowie eine Bildungs- und Begegnungsstätte. Das „Marburger Abenteuer Projekt“, kurz MAP, bietet zahlreiche Möglichkeiten für Freizeit, Naturerfahrung und erlebnispädagogische Aktivitäten. Das Gelände ist nicht frei zugänglich, sondern kann von Gruppen gebucht werden. Für diesen Bericht habe ich zwei besondere Attraktionen getestet.
Herausforderung auf Bodennähe
Zunächst ging es in den rollstuhlgerechten Niedrigseil-Parcours. Dort warten verschiedene Hindernisse, die Geschicklichkeit und Mut erfordern. So muss man beispielsweise zwischen zwei Plattformen über schmale Schienen rollen, um die gegenüberliegende Seite zu erreichen. Anschließend führt der Weg über eine lange, frei schwingende Gummimatte. Obwohl man sich dabei nur etwa 20–30 cm über dem Boden befindet, ist das für viele von uns bereits eine echte Herausforderung.
Hoch hinaus im inklusiven Hochseilgarten
Mein persönliches Highlight war jedoch der inklusive Hochseilgarten, den ich gemeinsam mit Lars Kietz erkunden durfte. Er leitet die pädagogischen Angebote des Freizeitgeländes Stadtwald, die Ferienspiele und das MAP-Projekt. Der Hochseilgarten wurde erst im April 2026 eröffnet und ist etwas ganz Besonderes. Er ermöglicht Menschen mit unterschiedlichen körperlichen und geistigen Voraussetzungen gemeinsame Bewegungserfahrungen und Herausforderungen. Die Anlage ist beispielsweise für Rollstuhlfahrende geeignet und bietet Orientierungshilfen für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen.
Bevor es losgehen konnte, wurde mir zunächst ein Klettergeschirr angelegt. Dafür war es hilfreich, kurz aus dem Rollstuhl aufzustehen. Anschließend wurde auch mein Rollstuhl mithilfe von Rundschlingen an vier Fixierpunkten gesichert. Dann hob mich ein Seilzug gemeinsam mit dem Rollstuhl an, um zu prüfen, ob wir als Einheit im Gleichgewicht waren. Beim ersten Versuch stimmte die Balance noch nicht ganz, sodass einige Anpassungen vorgenommen werden mussten. Erst danach ging es richtig los.
Der „Aufstieg“ zum ersten Hochplateau erfolgte über eine Rampe. Diese konnte ich problemlos selbst hinauffahren. Mit jedem Meter wuchs jedoch die Höhe über dem Boden, weshalb eine permanente Sicherung notwendig war. Ich war jederzeit mit zwei Karabinern an Stahlseilen gesichert. Dieses doppelte Sicherungssystem sorgt dafür, dass selbst bei einem technischen Ausfall weiterhin Schutz besteht.
Oben angekommen, wartete bereits die erste Mutprobe. Mitten im Plateau befand sich eine große Öffnung, die lediglich von zwei schmalen Schienen überquert werden konnte. In vier bis fünf Metern Höhe darüberzufahren, kostete mich einiges an Überwindung. Da ich meine Reifen nicht sehen konnte, wusste ich nie genau, wie nah ich mich am Rand befand. Doch Lars gab mir die nötige Sicherheit und dirigierte mich ruhig und präzise über die Schienen auf die andere Seite.
Ein ungeplanter Praxistest
Zum nächsten Plateau führte eine Art Seilbahn. Also wurde die Konstruktion herangeholt, ich fuhr darauf, verriegelte die Bremsen und zog mich zur anderen Seite. Dabei durfte die Anlage direkt ihre Belastbarkeit unter Beweis stellen. Beim Versuch, von der Seilbahn auf das nächste Plateau zu wechseln, verlor ich das Gleichgewicht und fiel rückwärts herunter. Zum Glück funktionierten die Sicherungssysteme einwandfrei. Plötzlich hing ich etwa einen Meter unterhalb des Plateaus in Rückenlage in meinem Rollstuhl. Mithilfe eines Seilzugs wurde ich anschließend wieder nach oben und zurück auf die Plattform gezogen. Wenige Minuten später hatte ich wieder festen Boden unter den Rädern. Dieser ungeplante Zwischenfall zeigte eindrucksvoll, wie durchdacht und sicher die Anlage konzipiert ist.
Gemeinsam stark
Der Hochseilgarten bietet noch viele weitere Elemente. Besonders spannend fand ich eine Teamaufgabe mit drei Pfählen, die zu einem zentralen Kreis führen. Die Herausforderung besteht darin, dass sich drei Personen gleichzeitig in der Mitte treffen. Eine Person kann problemlos ein Rollstuhlfahrender sein. Beeindruckt haben mich außerdem die sogenannten „fliegenden Schienen“. Diese hängen an vier Seilen, die von Personen am Boden gleichzeitig auf Spannung gehalten werden müssen. Sobald eine Person mit dem Rollstuhl auf die Konstruktion fährt, verändert sich die Gewichtsverteilung, sodass alle Beteiligten perfekt zusammenarbeiten müssen. Da wir an diesem Tag nur zu zweit waren, konnte ich diese Station leider noch nicht testen. Respekt eingeflößt haben mir außerdem die Wippen zwischen den Plateaus und eine steile Abfahrt, bei der man sich rückwärts abseilen muss.
Fazit
Der gesamte Hochseilgarten wurde speziell für Gruppen entwickelt. Deshalb werde ich mit meinem Rollstuhlhandball-Team auf jeden Fall noch einmal wiederkommen, um alle Stationen auszuprobieren. Begleitet werden die Gruppen dabei von mindestens zwei ausgebildeten Fachkräften der Jugendförderung, die Sicherheitsanweisungen geben und unterstützend zur Seite stehen.
Schnell wird klar: Dieser Hochseilgarten ist weit mehr als nur ein Freizeitangebot. Er ist eine echte Teambildungsmaßnahme. Vertrauen, Kommunikation und gegenseitige Unterstützung sind der Schlüssel zum Erfolg. Die abwechslungsreichen Herausforderungen lassen Menschen zusammenwachsen und wecken den Ehrgeiz, Hindernisse gemeinsam zu überwinden.
Für mich war dieser Tag vor allem eines: der Beweis, dass Inklusion nicht nur ein Wort ist, sondern erlebbar werden kann. Und genau solche Erlebnisse sind es, die lange in Erinnerung bleiben.
Weitere Informationen findet ihr unter www.Hausderjugend-marburg.de. Wer sich das Ganze bildlich vorstellen möchte, findet hier den Bericht der Hessenschau von der Eröffnung: www.youtube.com/watch?v=jjxoj94U3JU.
