
Therapeutisches Reiten
Martin Honcu, Blickpunkt-Ausgabe 01/2026
Im BP 4/2025 gab es zwei Beiträge, die mich auf die Idee gebracht haben, dem Thema therapeutisches Reiten mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Zum einen erschien ein Nachbericht zum MSK-Vortrag am 13.9.2025 über Hippotherapie, zum anderen berichtete Birgit Bernhard über ihre Reha in Loipl. Auch ich war 2016 in dieser Reha-Klinik – genau deshalb, weil dort Hippotherapie angeboten wird. Durch das Sitzen auf einem Pferd lässt meine Spastik spürbar nach. Bei der Hippotherapie sitzt man nicht im Sattel, sondern auf einem Reitpad. Das hat den Vorteil, dass sich die Körperwärme des Pferdes – etwas höher als die des Menschen – direkt auf den eigenen Körper überträgt. Die in Loipl angebotene Hippotherapie findet übrigens nicht in Deutschland statt, sondern im angrenzenden Österreich. Da mir die Hippotherapie während der Reha sehr gutgetan hatte, stellte ich im Anschluss einen Antrag bei meiner Krankenkasse. Dieser wurde jedoch mit der Begründung abgelehnt, es fehle an anerkannten Wirksamkeitsnachweisen. Tatsächlich gibt es bislang zu wenige valide Studien zu diesem Thema. Doch was tun, wenn man weiß, dass es einem hilft, die Krankenkasse aber nicht zahlt? Man sucht nach Alternativen – und so stieß ich auf das therapeutische Reiten.
Zurück aufs Pferd – aber wie?
Meine Spastik nahm im Laufe der Jahre immer mehr zu, und während ich 2016 noch mit dem Rollator mobil war, bin ich heute auf den Rollstuhl angewiesen. Da stellte sich die Frage: Wie komme ich überhaupt aufs Pferd? Lange Zeit war Reiten für mich damit kein Thema mehr – bis ich erfuhr, dass der Reitsportverein Rüsselsheim u. U. e. V. einen Lift besitzt. Sofort war meine Begeisterung wieder da, und ich vereinbarte einen Termin zum Probereiten. Besonders gespannt war ich darauf, wie das mit dem Lift funktioniert, denn vorstellen konnte ich es mir nicht wirklich.
Der Lift befindet sich am Rand der Reithalle. Um dorthin zu gelangen, muss man etwa 5 m durch den Hallensand rollen – eine kleine Herausforderung. Doch die Bedienung des Lifts selbst war dann überraschend einfach: Halbschalen werden unter die Oberschenkel geschoben, Metallbügel unter die Achseln gesetzt und vorne kann man sich an Griffstangen festhalten. Mit einer Fernbedienung wird man direkt aus dem Rollstuhl angehoben. Sobald ich höher als der Pferderücken war, wurde ich mit einem Schwenkarm über das Pferd gedreht und sanft abgelassen.
Meine erste Reitstunde
Die Kaltblutstute Whoopy, auf der ich saß, hat ein Stockmaß von etwa 1,60 m und ist unglaublich gelassen. Trotz meiner Spastik, durch die ich ungewollt viel Druck mit den Knien ausübe, blieb sie ruhig und entspannt. Manche Pferde reagieren darauf empfindlich – Whoopy jedoch nicht.
Besonders am therapeutischen Reiten für Rollstuhlfahrende ist, dass man nicht 1:1 betreut wird, sondern von drei Personen: Eine führt das Pferd und bleibt bei Bedarf stehen, damit ich meine Sitzposition neu ausrichten kann. Links und rechts neben dem Pferd geht jeweils eine weitere Person, die Stabilität gibt und verhindert, dass man zur Seite kippt.
Schon nach kurzer Zeit merkte ich, wie meine Spastik nachließ. Ich konnte die Beine besser spreizen und strecken. Es wird sicher nicht mein letzter Besuch gewesen sein – den nächsten Termin planen wir für Frühjahr oder Frühsommer, wenn man nicht mehr so dick angezogen ist. Denn Anfang Februar in einer ungeheizten Reithalle zu reiten, ist für alle Beteiligten eine frostige Erfahrung. Aber auch das Gegenteil ist nicht sehr angenehm, Pferde bei 35°C im Sommer zu führen.
Wie der Verein zum therapeutischen Reiten kam
Der Reitsportverein Rüsselsheim u. U. e. V. kam eher zufällig zum therapeutischen Reiten: Ein autistischer Junge wollte einmal reiten, war danach überglücklich – und die Nachfrage in der Region stieg schnell. 2012 schickte der Verein seine erste Reitlehrerin, Carmen Stowasser, zur Zusatzausbildung Reiten für Menschen mit Behinderung. In einer späteren Vorstandssitzung beschloss der Verein, deren Vorsitzende Cora Feldmann ist, künftig keine Einsteller mehr aufzunehmen und den Therapiebereich weiter auszubauen. (Als Einsteller bezeichnet man jemanden, der sein Pferd im Stall unterbringt und dafür Stallmiete zahlt.) Die Mitgliederversammlung stimmte dem zu. Mittlerweile besitzt der Verein acht eigene Therapiepferde. Cora Feldmann absolvierte inzwischen auch dieselbe Zusatzausbildung wie Carmen Stowasser. Unterstützt werden die beiden von der 2. Reitlehrerin und Jugendwartin Lina Trautwein.
Barrierefreiheit und Arbeit auf dem Hof
Für das therapeutische Reiten musste auch die Infrastruktur angepasst werden: ein barrierefreies WC, der Lift und weitere bauliche Verbesserungen. Da das therapeutische Reiten sehr personalintensiv ist, helfen oft junge Vereinsmitglieder mit. Als Ausgleich dürfen sie die Therapiepferde außerhalb der Therapie auch „richtig“ reiten. Das ist wichtig, denn in der Therapie gehen die Pferde überwiegend Schritt – sie brauchen aber auch Bewegung. Eine echte Win-win-Situation.
Die alltägliche Hofarbeit wie Boxen misten, füttern oder Koppeln abäppeln wäre für mich im Rollstuhl sehr aufwendig. Umso schöner ist das Gefühl, beim therapeutischen Reiten anzukommen und ein bereits geputztes und vorbereitetes Pferd vorzufinden – man setzt sich nur noch drauf und genießt.
Blick in die Zukunft
Der Reitsportverein Rüsselsheim u. U. e. V. hat große Pläne: Der Stall soll zu einem Förderzentrum für Inklusion im Pferdesport ausgebaut werden. Erste Entwürfe liegen bereits vor – jetzt gilt es, die Finanzierung auf den Weg zu bringen.
Fazit
Man sollte keine Angst vor großen Tieren haben, etwas schwindelfrei sein und auch keine Angst haben, schmutzig zu werden. Pferde sind neugierig, sie wollen auch wissen, mit wem sie es zu tun haben, und schnuppern und lecken einen auch schonmal ab. Und natürlich darf die Mohrrübe am Ende der Therapie als Belohnung für Whoopy nicht fehlen. Während man bei der Physiotherapie maximal zweidimensional durchbewegt wird, geschieht das auf einem Pferd dreidimensional, was mir persönlich mit meiner Spastik sehr viel bringt. Es war also nicht das letzte Mal, dass ich auf einem Pferd gesessen bin.
Quellen
Reitsportverein Rüsselsheim, abrufbar im Internet unter www.reitsportverein-ruesselsheim.de.
Special Olympics Deutschland. Reiten und Voltigieren bei SOD, abrufbar im Internet unter www.specialolympics.de/informieren/sportarten/reiten-und-voltigieren.
