Meine Reha in Loipl – und ich beweg mich doch!
Birgit Bernhard, Blickpunkt-Ausgabe 04/2025
Ich habe seit über 30 Jahren MS und noch nie eine Reha gemacht. Zu groß war immer die Angst vor Überforderung. Einerseits hatte ich Sorge vor zu großer körperlicher Belastung, aber auch davor, dass es mich psychisch überfordern könnte, mit so vielen kranken Menschen für Wochen zusammen zu sein. Im Blickpunkt 3/2022 las ich das Interview von Tom Foell mit Prof. Rieckmann, der das 1. Zentrum für Neuroplastizität in Deutschland, den Medical Park in Loipl (MPL), ins Leben gerufen hat. Neuroplastizität ist die Fähigkeit des Gehirns, sich immer wieder zu verändern und ein Leben lang neue Verbindungen zu knüpfen, was bei neurologischen Erkrankungen von großer Bedeutung ist. Ich war vollkommen fasziniert und hocherfreut zu erfahren, dass es eine Klinik gibt, in der die bahnbrechenden Erkenntnisse der Neurowissenschaft auf besondere Weise umgesetzt werden. So stellte ich einen Antrag auf Reha, und Mitte Februar 2025 ging es los.
Meine Erfahrungen im MPL
Die Klinik in Loipl liegt wunderschön im Berchtesgadener Land in der Nähe von Bischofswiesen und etwa 10 km entfernt von Berchtesgaden und Bad Reichenhall. Betritt man die Klinik, hat man das Gefühl, in einem Hotel zu sein. Die Damen an der Rezeption sind alle sehr freundlich, der Empfang entsprechend herzlich.
Nach vier Wochen Reha kann ich sagen: Die Therapien sind sehr gut, und ich habe mich im MPL wohl gefühlt. Meine Sorge vor Überforderung verflog schnell, als ich merkte, wie individuell auf jede einzelne Person eingegangen wird. Die Therapeut*innen sind alle hervorragend und motivierend. Wenn etwas nicht passt, wird es angepasst. Auch auf Wünsche wird eingegangen. Ich hatte eine Vielzahl von Therapien, manchmal fünf oder sechs an einem Tag: Frühsport, Gleichgewichts-, Ausdauer- und Krafttraining an Geräten, Hochintensives Intervalltraining (HIIT), Yoga, Tanzen, Hippotherapie und auch therapeutisches Klettern.
Natürlich ist es eine Herausforderung, mit vielen kranken Menschen längere Zeit zusammen zu sein, aber ich konnte mich auch genügend zurückziehen. Es war äußerst motivierend zu sehen, wie alle Mitpatient*innen Fortschritte machten! Da wurden manche mit Liegendtransport in die Klinik gebracht, bald sah man sie im Rollstuhl, dann mit Rollator und zum Schluss mit Stöcken oder gar freihändig gehen.
Auch bei mir hat sich vieles verbessert. Ich kann besser gehen, stehen und das Gleichgewicht halten. Die Fatigue ist besser. Meine Rückenschmerzen, die durch verschiedene orthopädische Probleme bedingt sind, sind leichter geworden. Ich habe ein gutes Körpergefühl und bin mit ihm wieder stärker verbunden. Wie gut tut es, mich mal wieder richtig auspowern zu können! Die Erfahrung, was ich alles an Sport machen kann, ist für mich ein großes Geschenk und schenkt mir inneren Frieden. Auch meine Stimmung hat sich durch die viele Bewegung deutlich gehoben.
Bewegung und MS
In Loipl ist mir zum ersten Mal in vollem Umfang bewusst geworden, wie wichtig Bewegung ist. Aber nicht nur in dem Sinne „Bewegung tut gut“, sondern auf diese Weise: „Durch gezieltes Training kann ich meine Defizite verbessern.“ 25 Jahre lang sagte man mir, alles, was einmal kaputt sei, könne nicht wiederhergestellt werden. Heute weiß man, dass das nicht stimmt. Mittlerweile gibt es Studien, die belegen: Remyelinisierung, also die Wiederherstellung der durch die MS verletzte Myelinschicht der Nerven, ist möglich. Der wichtigste Punkt dabei ist die Bewegung.
Es mag ja erst mal verwundern, dass eine Erkrankung, die einen lähmt und an freier Bewegung hindert, durch eben diese so erschwerte Bewegung behandelt, verbessert und vielleicht sogar geheilt werden kann. Aber genauso ist es.
Im folgenden Interview mit dem Sportwissenschaftler/Sporttherapeuten Peter Schunke vom MPL beleuchten wir das Thema „Bewegung und Multiple Sklerose“ näher.
Birgit (B): Peter, du bist einer der Therapeuten im MPL, die mich extrem motiviert haben. Ich gehe mit einer ganzen Schatztruhe an neuen Erkenntnissen nach Hause. Ich danke dir und allen anderen für euren Einsatz. Man spürt, dass du deinen Beruf liebst.
Peter (P): Ich bewege mich einfach gerne und möchte das an die Patient*innen weitergeben. Zu sehen, dass die meisten viel mehr schaffen können, als sie denken, motiviert auch mich jeden Tag aufs Neue.
B: Ich hätte niemals gedacht, dass ich mit der MS so viel Sport machen kann.
P: Ich weiß gar nicht, warum das so ist, dass MS-Betroffene immer glauben, sie könnten das nicht, z. B. Gerätetraining.
B: Ich wurde von Anfang an in diese Richtung konditioniert. Wir bekommen es gesagt und sagen es uns auch selbst immer wieder vor: „Ich kann das nicht. Ich kann keinen Sport machen. Ich bin zu schwach. Die Fatigue hindert mich daran, aktiver zu sein. Fitnessstudio? Das ist viel zu anstrengend und auf keinen Fall möglich.“ Als ich hier in der Klinik in den ersten Tagen sah, wie eine Sportgruppe Kniebeugen machte, dachte ich sofort: „Also ich kann sicher keine Kniebeugen machen, und das werde ich auch nicht tun!“ Und wie viele habe ich dann hier gemacht. Ich muss über mich selbst schmunzeln.
P: Ja, ich erlebe das auch immer wieder, dass MS-Betroffene sich gar nichts zutrauen. Ich hatte gerade einen Patienten, der mir sagte, auf dem Laufband könne er gar nicht gehen. Als er es dann doch versuchte, schaffte er auf Anhieb 10 Min. ohne Pause. Meiner Meinung nach ist in der Neuroreha und besonders bei MS das Wichtigste, den Patient*innen zu zeigen, was sie alles können.
B: Man darf nicht vergessen, dass es auch schwer ist, mit dem Training anzufangen. Die Fatigue ist bei mir sehr stark ausgeprägt, und es ist schwierig, aus diesem Teufelskreis herauszukommen. Durch meine schnelle Erschöpfung habe ich mich immer noch weniger bewegt, und das hat mich träge gemacht.
P: Es ist für jeden Menschen eine Herausforderung, mit Sport anzufangen, wenn man lange nichts gemacht hat und für MS-Kranke sicher ganz besonders. Aber du hast ja während deines Reha-Aufenthaltes gemerkt, dass sich trotz oder gerade wegen der vielen Bewegung auch die Fatigue verbessert hat.
B: Ja, genauso ist es. Zu Hause komme ich morgens gar nicht in die Gänge. Hier war schon um 8:00 Uhr Frühsport, und der kleine Spaziergang mit ein paar Bewegungen hat mich richtig wach gemacht.
P: Das ist genau das, was wir auf der Reha möchten: Jede Person soll selbst erleben, was ihm guttut und was sie kann.
B: Beim Gerätetraining dachte ich erst, ich kann z. B. bei der Beinpresse das Gewicht gar nicht mit einem Bein wegschieben. Aber dann ging es doch. Es war auch wichtig für mich zu erfahren, warum es essenziell ist, bis an die Leistungsgrenze zu gehen. Denn wenn ich immer nur das mache, was mir leichtfällt, wird sich der Muskel nicht aufbauen. Und dein Humor hat mich auch beflügelt. Wenn du beim Frühsport sagtest: „Nun machen wir Kniebeugen. Ja, wunderbar, das geht ja super – Jetzt noch 100 Wiederholungen!“
P: (lacht) Motivation ist das Wichtigste in meinen Augen.
B: Genau! So wie das Kind, das sich unbedingt an der Couch hochziehen will. Es probiert so lange, bis es gelingt. Ich denke, wir müssen anfangen, Bewegung wieder so zu lernen wie die Kinder. Kirsten Siegrist, eine meiner Therapeutinnen, sagte mir, ich solle meinen Fußheber so trainieren: 100–150-mal die Fußsohle nach oben ziehen und das möglichst 2–3-mal am Tag!
P: Ja, das ist es, so funktioniert Neuroplastizität. In diesem Fall sind die vielen Wiederholungen ernst gemeint, anders als bei den Kniebeugen. Und wenn du die Fußspitze nur ein winziges bisschen anheben kannst, reicht das schon. Das Schlimmste, was man tun kann, ist, sich weiter zu schonen. Ein Muskel, der nicht gebraucht wird, lässt immer weiter nach. Eine Nervenbahn, die nicht mehr angesprochen wird, verkümmert. Oft geschieht dies, weil man denkt, man schaffe es sowieso nicht. Unser Job ist es, das Gegenteil zu beweisen.
B: Ich habe einiges darüber gelesen. Man kann ja sogar in der Vorstellung trainieren. Es gibt Untersuchungen, dass dabei im Gehirn fast dasselbe abläuft wie bei echtem Training. Man kann also im Bett liegend anfangen zu trainieren, obwohl man sich gar nicht wirklich bewegt.
P: Ja, das stimmt. Es gibt also niemanden, der nicht wieder anfangen kann, sich seinem Körper zuzuwenden und wieder in die Bewegung zu kommen.
B: Würdest du bitte erklären, warum Bewegung und Sport bei MS so wichtig sind?
P: Die MS ist eine Krankheit, die das Leben in vielen Bereichen einschränken kann. Natürlich sind auch Medikamente wichtig in der Therapie. Aber dazu ist Bewegung der wichtigste Schlüssel zum Erfolg. Einzige Nebenwirkung ist der Muskelkater (lacht). Aber die Wirkungen können sich sehen lassen. Das sind etwa das Wiederherstellen von Funktionen, die nach einem Schub eingeschränkt sind, die Kräftigung der Muskulatur und Verbesserung der Ausdauer und dadurch die Erhaltung der Gehstrecke, die Verbesserung des Herz-/Kreislaufsystems oder der Erhalt der Mobilität. Auch die psychische Gesundheit und kognitive Fähigkeiten werden nachweislich durch Bewegung verbessert.
B: Welche Bewegung ist wichtig?
P: Das Allerwichtigste ist, dass man sich überhaupt bewegt. Man sollte eine Sportart wählen, die einem Spaß macht und kein Kopfzerbrechen bereitet. Möchte man im Fitnessstudio starten, dieses liegt aber 30 min entfernt, dann scheitert es oft schon am Versuch. Vielleicht mache ich aber gerne Übungen zu Hause, die ich aus der Reha, dem Internet oder von Freunden kenne. Dann lieber zuhause vor dem Fernseher als das Fitnessstudio zu zahlen und nicht hinzugehen. Mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren, ist auch eine Idee, oder morgens vor der Arbeit mit 15–20 Min. Gymnastik starten. Einen schönen Spaziergang machen oder zu Fuß zum Einkaufen zu gehen. Es eignen sich auch alle Ausdauersportarten wie z. B. Nordic Walking, Radfahren, Schwimmen, Laufen oder Wandern hervorragend. Faustregel für ein moderates Tempo ist, dass man sich gerade noch mit ausreichend Luft unterhalten könnte.
B: Aber ich muss schon auch auf mich achten? Bis zum Umfallen sollte man ja nicht trainieren, oder?
P: (lacht) Natürlich nicht! Ich trainiere auch nicht bis zum Umfallen, und ich bin vollkommen gesund. Aber die/der MS-Kranke darf sich ruhig mehr trauen. Sport kann keinen Schub auslösen. Natürlich sollte man sich nicht ständig überfordern. Pausen sind genauso wichtig wie bei Profi- und Hobbysportler*innen. Die Muskulatur benötigt auch Ruhe, um positive Anpassungen erfahren zu können, egal in welchem Fitnesszustand. Man sollte langsam die Intensität steigern und auch nicht bei Hitze trainieren.
B: Könntest du bitte erklären, was das Hochintensive Intervalltraining ist?
P: HIIT – Hochintensives Intervalltraining ist aktuell in vielen Studien und Trainingsprogrammen in aller Munde. Es bedeutet, dass sich kurze, sehr intensive Belastungen mit weniger anstrengenden Intervallen abwechseln. In der intensiven Phase, die 30 Sek.–2 Min. dauert, kann der Puls durchaus bis zu 80–100 % der maximalen Herzfrequenz erreichen. Meist absolviert man 6–8 Intervalle. Ganz wichtig ist es, sich vorher aufzuwärmen. Auf dem Fahrrad-Ergometer könnte man diese hohe Belastung über 30 Sek. halten (schnell treten mit hohem Widerstand) mit darauffolgenden 2–3 Min. Entlastung (aktive Erholung), also auf niedriger Stufe treten.
B: Wie wirkt HIIT?
P: Es hat sich gezeigt, dass durch hochintensive Intervalle (also eine Belastung deutlich über der Komfortzone) Proteine ausgeschüttet werden, die der Körper nur bei extremer Belastung bildet. Diese Proteine verbessern die Vernetzung der Zellen untereinander, und auch die Neubildung von Zellen wird unterstützt. Was besonders bei MS ein wichtiger Faktor ist, da dort die Nervenzellen beschädigt sind. MS-Betroffene können somit stärker davon profitieren als von einem klassischen Ausdauertraining.
B: Frau Siegrist riet mir, nicht unbedingt im Fitnessstudio HIIT zu machen, weil das evtl. für sehr gut trainierte Sportler*innen angelegt ist.
P: Ja, da sollte man etwas vorsichtig sein. Nicht, dass man sich dann überfordert fühlt. Jede Person sollte das HIIT-Training nach ihren/seinen Möglichkeiten machen.
B: Kann man auch Verbesserungen erzielen, wenn die Einschränkung schon lange besteht?
P: Ja, meiner Meinung nach kann jeder Mensch Verbesserungen erreichen. Ich erlebe das jeden Tag, wie Training hilft – selbst bei schon lange bestehenden Beeinträchtigungen.
B: Ich durfte genau das hier in der Reha erfahren. Jeden Tag sah ich Mitpatient*innen, die sich mehr bewegten. Bei fast allen hatte sich einiges verbessert, bei manchen sogar sehr viel.
P: Wichtig ist dabei, dass man in der Therapie oder bei uns in der Reha die Therapieziele in Ruhe bespricht. Das passiert bei uns am ersten Therapietag und wird für den/die Patient*in und Therapeut*in sowie die Ärzt*innen festgehalten. Die Ziele sind vielfältig: Wieder länger und besser sitzen zu können, das Gehen und Stehen zu verbessern oder mehr am sozialen Leben teilnehmen zu können. Alles, was für die Betroffenen wieder besser funktioniert, ist wertvoll. Das kann sein, den Transfer vom Bett in den Rollstuhl selbständig zu schaffen, einen Löffel wieder zum Mund zu führen oder sich selbst anziehen zu können. Die Ziele sind sehr unterschiedlich und für jede und jeden individuell, aber wir motivieren, lachen gemeinsam und zeigen, wie schön Bewegung und Training sind, um genau diese Ziele zu erreichen.
B: Lieber Peter, ich danke dir für das informative Gespräch. Mein Wunsch und Traum ist es, dass alle an MS Erkrankten diese wichtigen Infos zum Thema Bewegung bekommen.
P: Das ist auch mein großes Anliegen.
B: Ich hoffe, dass wir mit diesem Interview dazu beitragen. Es gibt berechtigte Hoffnung, der MS begegnen und die Krankheit verbessern zu können. Bewegung ist einer der wichtigen Bausteine dabei.