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Initiative Selbsthilfe Multiple Sklerose Kranker e. V.

Abschiede

Christian Wingrove-Rogers, Blickpunkt-Ausgabe 01/2026

Ohne Zweifel gibt es keinen Erkenntnisgewinn.

Zweifel überkamen ihn; sie hielten ihn zurück, und das wusste er. Aber wovor hatte er Angst? Vielleicht hatte er sich durch die einsamen Monate in seinem Garten, durch seine intensive Meditation zu sehr von der Außenwelt entfernt. War er durch sein Streben nach Erkenntnis und Weisheit möglicherweise zu ichbezogen geworden?

Jetzt nagten auch profanere Gedanken an ihm. War er zu alt? Hatte er noch die Kraft für eine so lange Reise, für die Strapazen, die zu erwarten waren? Die Tage würden lang sein, die Straßen holprig. Wenn es zu Fuß nicht mehr weiterginge, wären die vielen Stunden auf dem Rücken eines Tieres vielleicht zu anstrengend für ihn. Er würde in fremden, möglicherweise sehr unbequemen Betten schlafen und ungewohntes Essen zu sich nehmen müssen. Und wie verhielt es sich mit den anderen Menschen, auf die er unweigerlich treffen würde? War er nach der langen Zeit allein noch zu Gesprächen, zu einem Austausch fähig? Und wollte er dies überhaupt noch?

Er erkannte, dass er nach Gründen suchte, die Reise nicht anzutreten und wandte sich stattdessen seinen Rosen zu.

Eine Brise, die Wärme aus der Wüste mitbrachte, schlich sich über die Mauer in den Garten, berührte zärtlich die Blätter der Bäume wie die Hand eines Liebenden und rüttelte schließlich sanft an den Zweigen des Walnussbaums. Eine noch unreife Frucht löste sich, balancierte zunächst auf den darunterliegenden Ästen und fiel schließlich in die Sonne, deren Lichtstrahlen sich ihren Weg durch das Blätterdach gebahnt hatten.

In diesem Augenblick, im hellen, lebendigen Licht, gehörte die Frucht weder dem Baum noch der Erde, auf die sie fallen sollte, um ihr das neue Leben zu übergeben, das sie in sich trug.

Überwältigt von der Farbpracht seines Gartens hatte der Dichter innegehalten und bemerkte die Frucht nun genau in dem Moment, als sie in den Lichtstrahl fiel. Er schloss die Augen, und für den Bruchteil einer Sekunde sah er sie als dunkle Leere, gefangen in einer lodernden Helle. Sie war nichts und doch alles. Durch das Licht erhielt sie nun eine neue Identität, wurde zur Realität.

Das Bild der Leere ließ ihn nicht los und hallte in ihm nach, so wie das Geräusch einer Luftblase, die sich an der Oberfläche eines Wasserbeckens bricht, oder wie der Ruf eines Vogels, der auch dann noch zu erklingen scheint, wenn dieser längst weitergeflogen ist. Momente von solcher Schönheit vergehen sanft und unweigerlich.

Die Frucht schlug auf den Boden auf und rollte in seine Richtung. Nun verstand der Dichter, dass in der Abgeschiedenheit nichts entstehen kann. Leere ist nicht Abwesenheit, sondern Raum, in dem etwas geformt wird, in dem sich Sinn, Zweck und mögliche Bestimmung in Gewissheit verwandeln.

Weiter hinten im Garten löste sich eine Pflaume vom Baum. Er fühlte es, ohne es zu sehen oder zu hören.

Die Entscheidung war gefallen – er nahm seine Notizbücher und Bleistifte und steckte sie in die kleine Tasche. Dann stand er auf, schlüpfte in die Sandalen, legte sich den Umhang über die Schultern und nahm die Tasche. Er blickte zu Boden, hob die Frucht auf, steckte sie ein und verließ den Garten – den warmen Wind im Rücken.

Originaltext: The Leaving (Übersetzung: Dr. Christine Hausmann)