
Das Auge
Christian Wingrove-Rogers, Blickpunkt-Ausgabe 02/2026
Vor langer Zeit, so erzählt man sich, war ein Scharlatan in das Dorf gekommen und hatte seine Bewohner glauben lassen, dass ihre neu errichtete Buddha-Statue in die falsche Himmelsrichtung zeigte und böse Geister dadurch willkommen geheißen wurden, die Unglück über das Dorf gebracht hatten. Die Statue gab man daraufhin dem Verfall preis.
Einige Jahre später wurde sie von einem Kaufmann wiederentdeckt, der sie einen ganzen Tag lang eingehend von allen Seiten betrachtete, ohne ein weiteres Wort das Dorf verließ und Tage später mit vielen zurückkehrte. Seiner Ansicht nach lagen die Probleme des Dorfes daran, dass die Statue nie ganz fertiggestellt worden war, und er bot an, die Kosten für ihre Restaurierung zu übernehmen und sie anschließend mit Gold überziehen zu lassen. Die Dörfler stimmten zu und errichteten um die Statue ein Gerüst aus Bambusstäben – eine Aufgabe, die aufgrund ihrer enormen Größe eine geraume Zeit in Anspruch nahm.
Im Innenhof des Tempels, wo die Statue stand, waren ein Junge und seine kleine Schwester ganz darin vertieft, glänzende Tamarindensamen mit kurzen Stäbchen aufzusammeln. Da ihre Hände so klein waren, hielt das Mädchen in jeder Hand einen Stab, arrangierte die Kerne zu einer Reihe und führte die Stäbchen vorsichtig zusammen, um sie an ihre Knie zu legen. Der Junge, der erwachsen wirken wollte, benutzte seine Stäbchen wie beim Essen, schaffte es aber trotzdem nicht, mehr als seine kleine Schwester aufzunehmen. Gelangweilt und ein wenig frustriert fegte er die restlichen Samen mit den Händen beiseite und schlenderte davon.
Ganz in das Spiel vertieft ging das Mädchen allein weiter, sammelte konzentriert jeden einzelnen Kern auf und ordnete diese auf der Erde zu einem perfekten Quadrat.
Bereits in der Vergangenheit hatte sie das Gefühl gehabt, dass die Statue sie irgendwie anzog. Manchmal war es eher wie eine Ahnung, zu anderen Zeiten, so wie jetzt, wurde das Gefühl unwiderstehlich stark. So verweilte sie einen Moment am Eingang des Tempels, von wo aus sie die Statue ganz im Blick hatte, dann trat sie näher, um den Kopf zu betrachten, der ganz von Bambusstangen eingerahmt war. Ihre Aufmerksamkeit richtete sich auf die Augen – ganz aus Glas waren sie und hatten trotz jahrelanger Vernachlässigung nie ihren Glanz verloren. Sie strahlten geradezu, vielleicht vom Sonnenlicht, das durch die hohen Fenster fiel, vielleicht aber auch nicht.
Sie wollte es wissen, wollte in diese Augen sehen – nicht vom Boden aus, sondern so nah wie möglich sein. Das Gerüst bot ihr diese einmalige Chance. Denn sie hatte beobachtet, wie die Männer aus dem Dorf bei ihrer Arbeit sicher auf- und ab klettern konnten, und sie wusste, dass das Gerüst auch sie tragen würde.
Es war aus einzelnen Bambusstangen gefertigt, die mit getrocknetem Gras verbunden worden waren, und umgab die Konturen der Statue, ohne sie zu berühren. Auch das Mädchen hatte nicht vor, die Gestalt anzufassen – zu groß war der Respekt vor ihr. Während sie kletterte, knarrten die Verbindungspunkte, und die Stangen bogen sich sanft unter ihrem Gewicht. Die ganze Konstruktion schien wie lebendig, gab nach und stabilisierte sich wieder, ganz so, als wollte sie das Mädchen sicher geleiten. Das empfand keine Angst, keine Beklommenheit, keine Aufregung – nur ein Gefühl von So-Sein, ganz im Hier und Jetzt.
Vor dem Gesicht der Gestalt befand sich ein Holzbrett, wie ein Regal, und darauf saß sie nun, die Beine baumelnd, die Höhe vergessend und ohne Angst davor, gesehen zu werden.
So nah war sie nun, als würde sie einem Riesen ins Gesicht blicken. Aber dieser Riese hatte ein kindliches Lächeln, unschuldig und wissend zugleich, und einen Mund, der nicht fragen, sondern antworten würde, wenn er könnte – aber natürlich blieb er stumm. Die zersplitterte Nase ließ keinen Zweifel an der charakterlichen Stärke, und seine Augenbrauen, die direkt an der Nasenwurzel ansetzten, waren perfekt symmetrisch. Selbst nach Jahren der Vernachlässigung war das Gesicht so edel wie am Tag, als es geformt worden war.
Und jetzt sah das Mädchen ihm direkt in die Augen. Beide gleichzeitig zu betrachten, war unmöglich, so nah war sie nun. Auf Abstand konnte sie aber nun auch nicht mehr gehen und entschied sich deshalb für ein Auge. Unfähig zu widerstehen, legte sie beide Hände auf das Augenlid und beugte sich vor, starrte tief in die klare blaue Glaskugel, die das Auge des Buddha war.
Und sie sah eine Bewegung darin.
Aus der makellosen Tiefe blickte ihr eigenes Ich ihr entgegen.
Originaltext: The Eye of the Buddha (Übersetzung: Dr. Christine Hausmann)
