
Das Floß
Christian Wingrove-Rogers, Blickpunkt-Ausgabe 03/2026
Sobald sich die Flut zurückgezogen hatte, tauchte eine Füchsin auf. Im tiefen Schlamm suchte sie nach einem Fisch, der den Weg zurück ins Wasser verpasst hatte. Als der Reisende an das Ufer trat, sah er das Ausmaß: Bis auf die tragenden Pfähle und einige schlaff herabhängende Weiden- und Birkenzweige war die Brücke vollständig verschwunden.
Die alte Füchsin schenkte ihm kaum Beachtung. Still standen beide – es war, als wären Mensch und Tier in Ehrfurcht vor den Zerstörungs- und Widerstandskräften der Natur zum Schweigen gebracht worden.
Einige junge Triebe waren unter der Wut des Wassers gebeugt und schließlich zerstört worden, während ihm die größeren Bäume entlang des Ufers standgehalten hatten. Der Fluss, durch den tagelangen Regen in den Bergen nun zum reißenden Strom angeschwollen, lag da wie eine offene Wunde, teilte das Tal unwiederbringlich in zwei Hälften und verlieh damit symbolisch auch dem Schmerz Ausdruck, der sich aufgrund eines ungelösten Streits seit vielen Generationen bei den dort lebenden Menschen in das Gedächtnis gebrannt hatte.
In diesem Tal gab es zwei Dörfer, eines auf jeder Seite des Flusses. Handel betrieben seine Bewohner nur noch sehr selten miteinander, da sie einfach kein Vertrauen zueinander hatten und seit vielen Jahren auch kaum noch miteinander sprechen wollten.
Nicht zum ersten Mal war auch die Brücke Opfer einer Flut geworden. Wann immer der Fluss über sein Ufer trat, wurde auch das Tal, manchmal für Monate, unpassierbar, bis jemand – vielleicht ein Hirte, der nach seiner verlorenen Kuh suchte oder ein junger Mann, der seine Freundin besuchen wollte – eine provisorische und oft gefährliche Holzkonstruktion errichtete, die im Laufe der Zeit immer wieder verstärkt wurde, bis eine neue Brücke entstanden war.
Am Nachmittag kamen die männlichen Dorfbewohner auf seiner Seite zusammen, um den Schaden zu begutachten. Der Reisende beobachtete, wie sie sich zunächst kopfschüttelnd über ihre Bärte strichen und sich schließlich darauf einigten, dass die Menschen auf der anderen Seite für den Wiederaufbau der Brücke verantwortlich sein mussten – schließlich hatten sie diese auch zuerst errichtet. Als sie danach zum Dorf zurückstapften, sah er eine ähnliche Gruppe von Männern am gegenüberliegenden Ufer, die sich ebenfalls über ihre Bärte strichen und auf genau dieselbe Weise den Kopf schüttelten.
Die Füchsin hatte tatsächlich einen Fisch gefunden, er zappelte noch ihrem Maul, als sie zu ihrem Versteck zurücklief.
Eines Morgens sah er, wie sich einige Dorfbewohner, Männer und Frauen, auf den Weg zu ihren Feldern am Fluss machten. Das Wetter war ideal dafür, und auch auf der anderen Seite hatte man sich bereits auf den Feldern versammelt, um sie zu bewirtschaften. Er beobachtete, wie sie sich auf beiden Seiten in der gleißenden Sonne zur Erde beugten, bis ihnen die Hitze zu unangenehm wurde. Dann gönnten sie sich am jeweiligen Flussufer eine Pause, um Wasser zu trinken und sich abzukühlen. Aber kein Gruß wurde ausgetauscht, und es schien so, als hätte man die Bewohner auf der jeweils anderen Seite überhaupt nicht wahrgenommen.
Der Reisende hielt einen dünnen, weichen Weidenzweig in der Hand und versuchte sich vorzustellen, wie weit die zerbrochenen Pfähle in das Flussufer hineingeschoben worden waren. Sehen konnte er lediglich, was an der Oberfläche passiert war, nicht jedoch, wie es sich in die Tiefe verhielt und was dort begraben lag.
Er sah Parallelen zu dem tiefen ungelösten Streit, der seit so langer Zeit schon zwischen den Dorfbewohnern herrschte – der Gedanke bewegte ihn.
So fand er den Stamm eines Setzlings, den die Flut entwurzelt hatte. Dann noch einen. Und noch einen. Er suchte das gesamte Ufer ab, bis er sechs Stämme beisammenhatte, die jeweils zwei Schrittlängen maßen, und band sie mit Rindenstreifen zusammen, die er von den Weiden abgezogen hatte.
Den Rest des Nachmittags verbrachte er damit, ein Floß zu bauen.
Als die Dorfbewohner im Morgengrauen des neuen Tages auf beiden Seiten wieder zu ihren Feldern kamen, sahen sie einen Reisenden, der in der Mitte des Flusses auf einem Pfahl balancierte.
„Gehört er zu euch?“, rief ein Mann schließlich von der anderen Seite herüber.
„Nein, er gehört ganz sicher zu euch.“
„Nein, nein, das ist keiner von uns.“
„Von uns auch nicht, den haben wir hier noch nie gesehen.“
Das stimmte natürlich irgendwie so halbwegs, wenn man bedenkt, dass ihn nur wenige im Dorf je wirklich bemerkt hatten.
Schnell drehten sich die Diskussionen darum, wie man den Unbekannten wieder ins Trockene bringen konnte. Der Reisende, der sich an der Pfahlspitze festhielt, schwieg dazu. Für sie war er einfach ein Problem, keine eigenständige Person, und sie gingen davon aus, dass er ihre Sprache nicht beherrschte. Von dieser Vorstellung wollte er sie auch nicht abbringen.
Auf beiden Seiten des Flusses wurde nun eifrig Holz gesammelt, das man aus Angst, der Mann könnte fallen, schnellstmöglich in seine Richtung verbaute, um der anderen Gruppe bei der Rettung zuvorzukommen. Als sie sich bald darauf mitten im Fluss trafen, hatten sie eine tragfähige Brücke gebaut. Gemeinsam halfen sie dem Reisenden herunter.
Wie den verlorengeglaubten Sohn nahmen sie ihn in ihre Mitte. „Ich danke euch allen“, sagte er leise und ging zur Verblüffung der Dörfler einfach weiter.
„Wir scheinen eine Brücke zwischen uns gebaut zu haben“, sagte einer, und sie gratulierten einander sehr herzlich.
Keiner von ihnen bemerkte den Reisenden, der den Weg ins Tal am gegenüberliegenden Flussufer eingeschlagen hatte. Auch die Füchsin bemerkte ihn nicht. Sie hatte einen weiteren Fisch gefunden.
