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Initiative Selbsthilfe Multiple Sklerose Kranker e. V.

Der Bülbül

Christian Wingrove-Rogers, Blickpunkt-Ausgabe 04/2025

Seit drei Nächten schlief er nun unter einem kleinen hölzernen Boot, das er vom Strand in den Schatten der Bäume gezogen, umgedreht und mit einigen ausgebleichten Treibholzstämmen abgestützt hatte.

Um diese Jahreszeit war es still am Strand. Das Boot mit seinem von Seepocken bedeckten, unbemalten Rumpf schien schon einige Zeit niemand mehr gebraucht zu haben, und das würde sich sicher auch so bald nicht ändern.

In der Nähe gab es einen Fluss, in dessen klarem Wasser er endlich seine Kleidung waschen konnte, die er seit dem Beginn der Reise vor beinahe einem Monat am Leib trug. Während Hose und Hemd in den Bäumen trockneten, saß er mit seinem Notizbuch und den Stiften im Schatten und begann zu zeichnen.

Zunächst skizzierte er das Boot, dann die Biegung der Lagune und die Berge dahinter. Das Zeichnen der Bäume ging ihm allerdings nicht ganz so leicht von der Hand, und so begann er stattdessen, sie mit Worten zu beschreiben – wie sie in der Brise tanzten und wie sie sangen. Ein großer blau-weißer Eisvogel landete auf einem Ast in seiner Nähe und wurde von ihm mit ruhiger Hand auf das Blatt gebannt.

Später, als seine Hose trocken war, machte er sich auf den Weg, um den Regenwald zu erkunden. Das war leichter, als er gedacht hatte. Schmale Pfade schlängelten sich durch das Dickicht – etwas oder jemand schien sie regelmäßig zu begehen. Die Luft war erfüllt von süßen Düften und leisen Geräuschen und ihm schien es, als flüsterten die Bäume regelrecht miteinander.

Der Pfad endete bei einer Lichtung, auf der sich eine kleine Siedlung aus Bambushäusern auf Stelzen sowie ein niedriger Kuhstall in ihrer Mitte befand. Ein Wasserbüffel beobachtete ihn. Auf seinem Kopf posierte ein leuchtend gelber Vogel mit einem kecken, nach vorne geneigten schwarzen Kamm und Augen, die ihn in seinen Bann zogen. Um diesen wunderbaren Anblick auf das Papier zu bringen, hockte sich der Wanderer auf die Erde, nahm sein Notizbuch und seinen Stift heraus und begann umgehend mit der Skizze – sicher, dass der Vogel ihm sonst davonfliegen würde.

Als nichts passierte, nahm er sich Zeit, um seiner Zeichnung mehr Tiefe zu geben und die Details genau herauszuarbeiten. Seinen schalkhaften, listigen Ausdruck und die wunderbaren Farben seines Gefieders, die er mit einem Bleistift beschreiben musste, weil er keinen Farbstift zur Hand hatte: den schwarzen Kopf, die strahlend gelbe Brust, die grünen Streifen auf dem Flügel. Und erst die Augen – herrlich waren sie.

Während er zeichnete und ab und an innehielt, um sein Modell zu bewundern, merkte er, dass er nicht mehr allein war. Zwei Jungen, nur mit einer kurzen Hose bekleidet und einem breiten Lächeln auf dem Gesicht, tauchten nun hinter ihm auf. Mit seinem Bleistift deutete er auf den Vogel und den Büffel. Und weil er ihre Sprache nicht kannte, sagte er einfach: „Wunderschön“. Mit einem lauten Lachen rannten sie davon.

Sein Motiv hatte sich nicht bewegt, und so zeichnete er weiter und konzentrierte sich nun auf den gemächlichen Blick des Büffels. Aus der Entfernung hörte er das Kinderlachen wieder und freute sich über diese einzigartige Atmosphäre – den Frieden und den Moment im Hier und Jetzt, der ihn mit dem Vogel, dem Büffel und den Kindern für immer verbinden würde. Ja, das war wirklich wunderschön.

Die Kinder kamen zurück. Der eine Junge hielt eine große Gurke in seinem Arm, teilte sie in drei Stücke und bot ihm eins davon an, während der andere eine Schüssel mitgebracht hatte, die er dem Wanderer jetzt reichte. Er verstand: „Danke…Cảm ơn“, sagte er zu ihnen, tauchte die Gurke in das Chili-Öl und biss ein Stück ab. Während er zu Ende aß, saßen die Kinder dicht bei ihm. „Wunderschön“, sagte er noch einmal und packte schließlich sein Notizbuch ein. Jetzt kam auch eine ältere Frau auf die Lichtung und führte den Wasserbüffel fort. Fast zeitgleich erhob sich der Vogel in die Lüfte, und die Kinder rannten mit einem lauten Lachen davon. Er ging zurück zum Strand.

Am nächsten Tag setzte er seine Reise fort, und als er mit seinem Rucksack noch einmal durch das Dorf ging, sah er einen der Jungen mit einem Drachen umherrennen, den er aus ein paar Stöcken und einem Reissack gefertigt hatte und den er über seinem Kopf in den Wind hielt. Der andere Junge saß auf der Erde und schaute ihm fröhlich zu. „Wunda shon“, sagte er lachend. Der Wanderer verstand.