Achtsames Zeitmanagement – Altes neu erfunden?
Irene Teubner, Blickpunkt-Ausgabe 04/2025
Überall, wo man hinsieht, springt es einem in die Augen: Achtsamkeit, achtsames Zeitmanagement, die Reise zu mir selbst, Affirmationen, die man dekorativ an exponierter Stelle platzieren soll, und, und, und… Ich habe einmal auf Facebook eine solche Anzeige von einer Firma, die einen entsprechenden Kalender angeboten hat, geklickt, weil ich wissen wollte, was das genau auf sich hat. Und ob ich das eventuell in meinen Alltag integrieren kann, um es mir (gerade mit der Diagnose MS und den entsprechenden Einschränkungen) noch einfacher zu machen. Seitdem werde ich förmlich geflutet mit Angeboten aus dieser Rubrik.
Das „Eisenhower-Prinzip“
Da ist etwa die Rede vom „Eisenhower-Prinzip“, mit dem man seinen Tag optimieren kann, um Stress zu vermeiden. Also ganz simpel gesagt: eine Zeitmanagement-Methode, die für die Prioritätensetzung im Alltag geeignet ist und hilft, Aktivitäten nach Dringlichkeit und Wichtigkeit zu unterscheiden. Die dringenden Dinge sind dann die, die sich direkt auf übergeordnete Ziele auswirken und deswegen einen großen Einfluss auf die eigene Entwicklung haben. Weiter wird erklärt, dass dringende Aufgaben ziemlich zügig erledigt werden sollten, da ansonsten negative Konsequenzen drohen. Diese Methode geht übrigens tatsächlich auf den früheren US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower zurück. Aaaaha…
Somit entstehen vier Quadranten mit zwei Dimensionen: Wichtigkeit (z. B. persönliche Zukunft, Werte, Menschen, Ziele und der eigene Erfolg) und Dringlichkeit (das beinhaltet die Punkte Zeit, Unterbrechungen und Krisen).
Jedem Aufgabentyp wird eine bestimmte Art der Bearbeitung zugeordnet. D-Aufgaben werden nicht erledigt.
wichtig
nicht wichtig
dringend
A: Sofort selbst erledigen
C: An kompetente Mitarbeiter delegieren
nicht dringend
B: Terminieren und selbst erledigen
D: Nicht bearbeiten (Papierkorb)
Quadrant A:
- wichtig und dringend
- in der Tagesplanung als erstes zu erledigen, da an festen Termin gebunden
- meist Krisen oder Probleme
Quadrant B (in dem man sich bevorzugt aufhalten soll):
- wichtig, aber nicht dringend
- kein Termindruck
- Aufgaben rechtzeitig terminieren
Quadrant C:
- nicht wichtig, aber dringend
- bestenfalls reduzieren oder delegieren
Quadrant D (Papierkorb):
- nicht dringend und nicht wichtig
- muss nicht bearbeitet werden
So. Jetzt sag mal was dazu. Hätte ich meinem Papa von diesem Achtsamkeits-Zeitmanagement erzählt, hätte er sich an den Kopf getippt und in schönstem Krefelder Dialekt gesagt:
„Wat is dat denn für‘ene neumodische Quatsch? Wenn ich doch weiß, dat et am Samsdaach regne soll, dann mäh‘ ich dat jrüne Zeusch am Freitag nohm Feierabend! Do bruuch ich doch keen Eisenhower für, um dat zu wissen.“
Ja, Papa, da hast du recht. Gehört in den Quadranten C, bestenfalls reduzieren oder delegieren. Wobei für meinen Papa wahrscheinlich der größte Stress war, wie er seine Tochter, also mich, dazu bringen sollte, diese Aufgabe zu übernehmen. Wir hatten einen kleinen Vorgarten und einen etwas größeren Garten direkt hinter dem Haus. Wie das bei Reihenhäusern so üblich ist. Und: Wir hatten nur einen kleinen Handmäher. Wenn er freitags nachmittags im feinen Anzug aus der Firma gekommen ist (er war stellvertretender Prokurist in einer weltweit agierenden Firma für hydraulische Pressen), dann hat er einfach nur gestöhnt: „Hach, was war das für ein anstrengender Tag! Ich bin sooo kaputt! Und jetzt muss ich auch noch den Rasen mähen! Hach, ich bin so erledigt!“ Das Spielchen hat er dann so lange durchgezogen, bis ich gesagt habe, dass ich das übernehme, er solle mir bitte nur den Mäher aus dem Keller hochtragen. „Hach, das würdest du wirklich für mich übernehmen? Du bist aber eine gute Tochter!“; und Schwupps – stand der Rasenmäher parat für mich.
Und das Beste daran? Keine zehn Minuten, nachdem mein Papa mir den Rasenmäher aus dem Keller hochgeholt hatte, lag er, in seine Lieblings-Cordhose und sein Lieblings-Feierabend-Hemd gewandet, auf der Hollywoodschaukel und hat seiner Tochter zugesehen, wie sie den Rasen mäht. Quadrant D wie Papierkorb. Papa, das hast du damals echt gut hinbekommen…
Planen ist trotzdem wichtig
Aber zurück zum ollen Eisenhower. Mir persönlich wäre ja auch der Quadrant D bzw. der Papierkorb grundsätzlich der liebste. Erledigt und aus dem Kreuz. Grundsätzlich ist aber natürlich was dran an der ganzen Planerei. Für mich ist es sehr wichtig, meinen Tag zu planen, ihm Struktur zu geben, da die Diagnose bzw. meine Symptome meine Tagesrichtung vorgeben und auch teilweise bestimmen. So bin ich vormittags noch relativ leistungsfähig, sowohl körperlich als auch in Sachen Konzentration. Das bedeutet, dass ich versuche, Termine grundsätzlich auf den Vormittag zu legen, da es ab 14 oder 15 Uhr tatsächlich „bergab“ geht mit dem, was ich (noch) leisten kann.
Diese Planung funktioniert natürlich nicht immer. Mich persönlich bringt an manchen Tagen auch schon eine Einladung zum Kaffeekränzchen in meinem Lieblings-Café in der Innenstadt aus dem Konzept. Das sage ich viel zu oft ab, obwohl ich es doch eigentlich möchte. Weil meine Reserven einfach verbraucht sind.
Weil ich es will
Ich liebe es, auf Konzerte zu gehen und plane das auch gerne ein. Dann kann es allerdings sein, dass folgendes passiert: Ich kaufe zwei Karten für das Phil Collins-Konzert in der Köln-Arena für rund 200 Euro. Ich freue mich von Oktober bis zum März des Folgejahres auf diese Stunden, in denen ich an nichts denke und einfach nur seine Musik genieße, die spannenden Drum-Duette zwischen ihm und Chester Thompson und die unvergleichliche Atmosphäre eines Live-Konzerts (natürlich auf einem Sitzplatz, Stehplatz funktioniert nicht mehr). Am Tag des Konzerts habe ich dann Sehstörungen und kann mich kaum auf meinen Beinen halten, weil mein Gleichgewichtssinn sich verabschiedet hat. Konzertbesuch unmöglich; gar nicht dran zu denken. Da das Ganze mehr als kurzfristig war, konnte ich die Karten auch nicht anderweitig loswerden und benutze sie nun als Lesezeichen. Trotzdem hält mich das nicht davon ab, erneute Konzertbesuche zu planen. Ich will schließlich nicht auf diese Sache verzichten, die mir einfach guttut. Und zweimal das gleiche Pech werde ich schon nicht haben. Da denke ich positiv. Weil ich es WILL.
Egal, wie das ganze nun genannt wird, ob Aufmerksamkeits-Zeitmanagement oder ob der Eisenhower mit von der Partie ist. Es ist mir völlig egal, welchen Namen dieses Kind hat. Ich plane und strukturiere weiter, denn ansonsten komme ich nicht durch mit dem, was ich mir vorgenommen habe. Und das ganze Thema ist mir so wichtig, dass ich es auch anderen Menschen mit der Diagnose MS an die Hand geben möchte. In meiner Lehre zur Hotelfachfrau hieß es immer: „Ein gutes Mise en Place ist alles“. Sprich: Disziplin und Organisation ist die halbe Miete. Ist so.
Ich selbst richte mich dabei nach diesen Punkten, die ich auch in meinen Selbsthilferatgeber als Extra aufgenommen habe. Aber lest selbst:
Die Regeln gegen den Zeitstress
Setze PRIORITÄTEN!
Nimm dir Zeit und erstelle eine Prioritätenliste. Das ist immer dann wichtig, wenn du das Gefühl hast, dass dir alles über den Kopf wächst. Überlege dir, welche Dinge dir besonders wichtig sind, welche wichtig, welche eher unwichtig oder gar unnötig sind und handle dann nach der folgenden Regel:
ERST WENN DIE wichtigen Dinge erledigt sind, kümmere dich um die unwichtigen Dinge! Versuche, dich nicht ablenken zu lassen und mach dir bewusst: Unwichtige Dinge können warten.
LERNE, AUFGABEN ZU delegieren oder bitte um Hilfe! Du musst nicht alles selbst machen. Was kannst du auf deinen Partner, eventuell auf deine Kinder, den Rest der Familie, Nachbarn, Kolleginnen und Kollegen… übertragen? Sprecht darüber, wer dir was abnehmen kann.
DU MUSST LERNEN, „Nein“ zu sagen! Wenn dir wieder mal was auf den bereits übergroßen Stapel Arbeit/Alltag gelegt wird: Denke darüber nach, ob du diese Anforderung wirklich erfüllen willst und ob du das überhaupt kannst, ohne wieder über deine Grenzen gehen zu müssen. Die MS wird dir sehr schnell klar machen, wo diese sind. Nur meistens ist es dann schon zu spät für deinen Körper. Sei vorausschauend für ihn! Du kannst in gewissen Situationen nicht „Nein“ sagen. Aber du hast grundsätzlich das Recht, „Nein“ zu sagen!
PLANE PAUSEN FÜR nicht vorhersehbare Ereignisse! Solltest du deinen Plan eng takten, ist die Gefahr groß, dass er durch unvorhersehbare Dinge umgeworfen wird. Dadurch gerätst du schnell in Hektik und Zeitnot. Also Druck. Und Druck ist ein Faktor der MS, der deinen Körper unter Umständen direkt reagieren lässt. Klar, Druck kann man nicht immer vermeiden. Sorge deswegen für Schleichwege. Langsam ist manchmal schneller…
So, und wie gehst du mit dir um? Gehst du über deine Grenzen? Planst du deinen Tag oder lässt du dich eher treiben nach dem Motto: Ich sehe mir an, was kommt und handle dann erst entsprechend?
Schreibt mir gerne.
Eure Irene