Die Schlimmeres-Falle – Warum der Satz „Es gibt schlimmere Krankheiten“ nicht tröstet, sondern das eigene Erleben zum Schweigen bringt
Irene Teubner, Blickpunkt-Ausgabe 02/2026
Ich sitze bei meiner Psychotherapeutin. Es ist einer dieser Termine, bei denen ich das Gefühl habe, besonders vernünftig zu sein. Ich sage: „Ich bin ja froh, dass ich nur MS habe. Es gibt schlimmere Krankheiten.“ Ich lehne mich zurück. Zufrieden. So sieht eine erwachsene Frau aus, die ihr Leben im Griff hat. Sie lächelt. Dieses Lächeln, das ich inzwischen kenne. Das Lächeln, das sagt: „Da reden wir gleich noch mal drüber.“ Und dann sagt sie es. Ruhig, ohne Vorwurf: Ich verhandle. Ich vergleiche, um mich besser zu fühlen. Aber ich fühle mich gar nicht besser. Ich schiebe nur das, was wehtut, ein Stockwerk tiefer.
Die Sache mit den Vergleichen
In meinem Buch „Spring, damit du fliegen kannst” erzähle ich die Geschichte mit dem Mofa. Du bist 15, du willst eins, weil deine Freundin Gabi auch eins hat. Dein Vater sagt: „Es ist mir egal, was andere Leute haben, du bekommst keins.“ Zack. Fertig. Thema erledigt. Was er damit meint: Dein Wunsch steht für sich. Der hat nichts mit Gabi zu tun. Und genauso steht dein Schmerz für sich. Der hat nichts damit zu tun, dass irgendwo auf der Welt jemand mehr Schmerz hat. Trotzdem machen wir es ständig. Wir vergleichen. Nach oben und nach unten. Und meistens merken wir es nicht einmal.
1954 veröffentlichte der Sozialpsychologe Leon Festinger seine Theorie des sozialen Vergleichs. Die Kernidee: Menschen haben ein tief verankertes Bedürfnis, sich selbst einzuschätzen – ihre Fähigkeiten, ihre Meinungen, ihren Platz in der Welt. Und weil es dafür selten objektive Maßstäbe gibt, vergleichen wir uns mit anderen. Laut Forschungsergebnissen entfallen bis zu 10 % unserer täglichen Gedanken auf Vergleiche irgendeiner Art. 10 %. Das ist ein ganzer Raum in deinem Kopf, der nichts anderes tut, als dich neben andere zu stellen.
Festinger unterschied zwischen zwei Richtungen. Den Aufwärtsvergleich – du siehst jemanden, dem es besser geht als dir, und je nach Tagesform spornt dich das an oder frisst dich auf. Und den Abwärtsvergleich – du schaust auf jemanden, dem es schlechter geht, und redest dir ein, dass du Glück hattest. Der Satz „Es gibt schlimmere Krankheiten“ ist so ein Abwärtsvergleich. Er soll erleichtern. Aber eigentlich sagt er: Dein Schmerz zählt weniger, weil anderswo ein größerer existiert.
Der Philosoph Søren Kierkegaard hat das vor fast 200 Jahren in seinen „Erbaulichen Reden“ durchdekliniert. Ihm zufolge bedeutet dieses Vergleichen das Ende des Glücks und den Anfang der Unzufriedenheit. Er beschrieb, wie der Vergleich Bedürfnisse erschafft, die vorher gar nicht da waren. Und wie er den Blick nach innen versperrt – den einzigen Ort, an dem Zufriedenheit tatsächlich entstehen kann. Meine Therapeutin kannte diesen Satz. Sie hat ihn mir hingelegt wie einen Spiegel.
Und weil die Sache mit dem Vergleichen so tief sitzt, kurz ein Abstecher ins Tierreich. 2003 veröffentlichten Sarah Brosnan und Frans de Waal eine Studie in Nature, die berühmt wurde. Sie gaben Kapuzineraffen eine einfache Aufgabe: Stein abgeben, Gurkenstück bekommen. Beide Affen waren zufrieden. Gurke war in Ordnung. Bis der eine Affe sah, dass der andere für dieselbe Aufgabe eine Traube bekam. Von diesem Moment an warf der Gurkenaffe sein Stück gegen die Gitterstäbe. Verweigerte die Mitarbeit. War fertig mit der Welt. Das Video davon ging viral – und ist bis heute einer der meistgezeigten Clips in Psychologievorlesungen weltweit.
Und nein, der Affe war nicht albern. Er war mit seiner Gurke zufrieden. Bis er die Traube des anderen sah. An der Gurke hatte sich nichts geändert. Aber der Vergleich hat sie entwertet.
Die Primatologin Sarah Brosnan schloss daraus: „Wir leben nicht in einer Welt absoluter Werte, sondern in einer, in der wir uns ständig mit unserem Umfeld vergleichen.“ Vergleichen ist kein Charakterfehler. Es ist evolutionärer Standard. Aber wer es bei sich bemerkt, muss nicht mehr blind hinterherlaufen.
Einfach dasein
Jetzt wird es heikel. Denn bei einer Diagnose wie MS, die dein Leben von einem Tag auf den anderen umschreibt, ist der Abwärtsvergleich eine naheliegende Strategie. Thomas A. Wills, Psychologe an der Albert Einstein School of Medicine, beschrieb 1981, dass Menschen unter Bedrohung dazu neigen, sich mit jenen zu vergleichen, denen es schlechter geht. Das stabilisiert kurzfristig. Aber Studien zeigen auch die Kehrseite: Bei chronischer Erkrankung kann der Kontakt mit schwerer Betroffenen Angst vor dem eigenen Verlauf auslösen, statt Erleichterung zu bringen. Die Forscherin Shelley Taylor von der UCLA wies bereits 1990 nach, dass Abwärtsvergleiche bei chronisch kranken Menschen häufiger zu negativen Gefühlen führten als Aufwärtsvergleiche – weil sie nicht Trost auslösten, sondern die Frage: „Wird das bei mir auch so?“
Der Satz „Es gibt Schlimmeres“ stiehlt dir also doppelt. Er nimmt dir das Recht auf deinen Schmerz. Und er pflanzt eine Angst, die vorher nicht da war.
Jens sagt manchmal, wenn ich abends neben ihm auf dem Sofa sitze und schweige: „Du verhandelst gerade, oder?“ Und meistens hat er recht. Dann sitze ich da und denke: „Anderen geht es schlechter. Ich sollte nicht so viel fühlen. Ich sollte dankbarer sein.“ Und Jens sagt dann nichts Schlaues. Er legt seine Hand auf meine. Und das reicht.
Vicki Helgeson, Psychologin an der Carnegie Mellon University, erforscht seit über 25 Jahren, was Menschen mit chronischer Erkrankung hilft, mit ihrem Leben zurechtzukommen. Ihr Ergebnis, zusammengefasst in einer Metaanalyse von über 150 Studien: Was den Unterschied macht, ist weder Willenskraft noch Disziplin noch die richtige Einstellung. Es ist eine gute Beziehung. Mindestens ein Mensch, der zuhört und bei dem du sein darfst, wie du bist. Jemand, der dich nicht auf einer Skala des Leids einordnet. Der einfach da ist.
Eine Rechnung, die nie aufgeht
Meine Therapeutin hat mir beigebracht, dass es auf der Welt nur einen einzigen Menschen gibt, dem es am schlechtesten geht. Einen einzigen. Alle anderen vergleichen nach unten und finden jemanden. Und nach oben – da findet sich auch immer jemand. Schöner, reicher, gesünder, scheinbar glücklicher. Aber wenn du bei denen, denen es scheinbar besser geht, hinter die Mauern schaust, sieht die Welt anders aus. Der erfolgreiche Manager, der zu Hause die Kontrolle verliert. Die Kinder aus gutem Haus, die abends allein am Esstisch sitzen.
Wer bestimmt eigentlich, was besser ist und was schlechter?
Du hattest einen Plan. Träume. Ziele. Und einen Teil davon kannst du von jetzt auf gleich nicht mehr verwirklichen. Ohne selbst etwas dafür gekonnt zu haben. Das ist kein Verhandlungsgegenstand. Das ist dein Leben. Und du hast jedes Recht, darüber zu trauern.
Also, wenn du – genau wie ich – mal wieder in die Schlimmeres-Falle getappt bist: Nimm es zur Kenntnis. Und dann besinn dich auf dich. Du bist einzigartig. Und etwas Einzigartiges kann man nicht vergleichen.
Wenn dir nach Weinen ist, dann weine. Wenn dir nach Lachen ist, dann lache. Wenn dir danach ist, Teller zu zerdeppern – tu es. Aber hör auf, deinen Schmerz gegen den Schmerz anderer aufzurechnen. Es ist eine Rechnung, die nie aufgeht.
Eure
Irene
