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Initiative Selbsthilfe Multiple Sklerose Kranker e. V.

Leben mit MS an der eigenen Grenze – Zwischen Stärke und Erschöpfung

Heike Führ, Blickpunkt-Ausgabe 02/2026

Manchmal verlangt das Leben mehr von uns, als wir eigentlich geben können. Und manchmal entscheiden wir uns trotzdem, es zu tun.

„Ja“ zum Leben

Neulich hatte ich so eine Situation: Zwischen Lachen, Musik und dem Trubel einer großen Geburtstagsfeier habe ich organisiert, dekoriert, vorbereitet, mit angepackt – habe mich selbst ein Stück weit vergessen, um diesen Moment für besondere Freunde möglich zu machen. Und ich habe es geschafft.

Jetzt sitze ich hier. Erschöpft bis in die tiefsten Fasern meines Körpers. Mit Schmerzen, die laut nach Aufmerksamkeit rufen. Mit einer Müdigkeit, die sich nicht einfach ausschlafen lässt. Und gleichzeitig mit einem leisen, aber kraftvollen Gefühl von Stolz. Denn ich habe meine Grenzen gespürt – und sie für einen Moment verschoben. Nicht leichtsinnig. Nicht ohne Preis. Aber bewusst. Mit Herz. Chronisch krank zu sein bedeutet oft, „Nein“ sagen zu müssen. Dieses eine Mal aber durfte ich „Ja“ sagen. „Ja“ zum Leben. „Ja“ zu einem besonderen Moment. „Ja“ zu mir. Und auch wenn mein Körper jetzt seinen Tribut fordert – meine Seele ist ein kleines Stück gewachsen.

Wenn der Körper stoppt, bevor man es will

Mit Multipler Sklerose zu leben, bedeutet oft, ein feines Gespür für die eigenen Grenzen zu entwickeln – und doch kommt es immer wieder vor, dass man sie überschreitet. Manchmal bewusst, weil das Leben ruft. Manchmal unbewusst, weil man sich einfach wieder „normal“ fühlen möchte. Doch der Preis kann hoch sein: Tage, manchmal sogar Wochen, in denen der Körper kaum Kraft hat. Erschöpfung, die sich nicht einfach wegschlafen lässt. Ein Zustand, in dem selbst kleine Dinge plötzlich unüberwindbar wirken.

Die Schattenseite des „Zu viel“

Dieses „Über die Grenzen gehen“ ist kein heroischer Akt, sondern oft ein schmaler Grat. Was sich im Moment richtig anfühlt – helfen, teilnehmen, erleben –, kann im Nachhinein zur Belastung werden. Der Körper fordert seinen Tribut, kompromisslos und leider ohne Verhandlungsspielraum. Und dann ist da dieses Gefühl der Ohnmacht: zu wissen, warum es einem so geht, und es doch nicht verhindern zu können. Das macht traurig und sehr oft auch wütend. Dieses Gefühl, daran nichts ändern zu können, belastet mich oft sehr.

Und doch: Da ist auch Stolz

So widersprüchlich es klingt – in all dem liegt auch etwas Schönes. Denn hinter jeder Erschöpfung steht etwas, das man geschafft hat.

  • Ein Tag, an dem man mehr war als die Krankheit.
  • Ein Moment, in dem man teilgenommen hat am Leben.
  • Ein Augenblick, der Kraft gekostet, aber auch Sinn gegeben hat.

Und genau daraus wächst etwas sehr Wertvolles: Stolz. Nicht laut und nicht prahlerisch, sondern leise und tief. Der Stolz, es trotzdem geschafft zu haben. Denn „trotz allem“ hat unser Körper einmal mitgespielt, unsere Seele war mit dem Körper im Einklang und auch der Geist war wach. Unbezahlbar!

Die leise Gewissheit

Mit der Zeit entsteht daraus eine besondere Form von Vertrauen. Vertrauen in sich selbst, in seine Autonomie, in die Lust zum Leben und besonders Vertrauen in den eigenen Körper, der uns so oft schlicht und ergreifend im Stich lässt. Wer einmal über seine Grenzen gegangen ist – und zurückgefunden hat –, weiß:

  • Ich kann mehr, als ich manchmal glaube.
  • Ich falle, aber ich komme auch wieder hoch.

Diese Gewissheit trägt. Sie ist kein Versprechen, dass es leicht wird. Aber sie ist ein inneres Wissen, dass man es wieder schaffen kann – Schritt für Schritt, im eigenen Tempo.

Leben im Gleichgewicht

Vielleicht geht es am Ende gar nicht darum, Grenzen nie zu überschreiten. Sondern darum, sich selbst immer wieder aufzufangen. Sich Pausen zu erlauben, ohne schlechtes Gewissen. Und die eigenen Erfolge zu sehen – auch wenn sie für andere unsichtbar bleiben. Denn jeder Schritt, den man trotz MS geht, ist mehr als selbstverständlich. Er ist mutig. Er ist kraftvoll. Und er ist zutiefst menschlich.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen mutige Frühsommertage und von Herzen alles Liebe und Gute.

Heike Führ