Leben mit MS: Zwischen Verlust und Gewinn
Heike Führ, Blickpunkt-Ausgabe 04/2025
Eine chronische Erkrankung wie MS verändert das Leben auf eine Weise, die sich Gesunde oft kaum vorstellen können. Plötzlich steht nichts mehr fest – der Körper, der einst selbstverständlich funktionierte, wird zum Unsicheren, zum Unberechenbaren. Vor allem glaubt man kurz nach einer Diagnose oft, dass nun alles schlecht wird. Aber stimmt das so? Begeben wir uns auf eine gedankliche Reise.
Vieles geht verloren
Vieles geht verloren: Energie, Unabhängigkeit, manchmal auch ein Teil der alten Identität. Doch zwischen Schmerz, Anpassung und Akzeptanz liegen nicht nur Verluste. Wer lernt, mit einer chronischen Krankheit zu leben, entdeckt oft auch neue Werte, eine andere Tiefe und eine besondere Form von Stärke. Ja, MS verändert alles. Das ist ein Fakt. Nichts, aber auch gar nichts mehr ist so wie vor der Diagnose. Aber jenseits von Diagnosen und Behandlungen geht es auch immer um Fragen, die tiefer gehen. Wie stütze ich mich? Welcher Weg passt zu mir? Der Blick darauf, das ist das Wichtige – und das Wechseln der Perspektive.
Man verliert so vieles, was einst selbstverständlich war: Kraft, Leichtigkeit, manchmal Träume, manchmal Menschen, die den Weg nicht mitgehen können. Auch das Vertrauen in den eigenen Körper gerät ins Wanken. Jeder Tag kann zur Herausforderung werden – und vieles, was früher einfach war, verlangt heute Mut und Planung. Wer mit ständigen Begleiterscheinungen und Symptomen leben muss, der kennt all diese Gedanken, die von tiefer Trauer und Verzweiflung bis hin zu Wut über „diese Ungerechtigkeit“ reichen können.
Chronisch mit Fatigue leben zu müssen, ist solch eine drastische Veränderung, dass man es manchmal kaum aushalten kann. Nicht mehr laufen zu können, nicht mehr sprechen oder allein essen zu können, inkontinent zu sein – all das kann uns mit der MS begleiten und unser Leben auf den Kopf stellen.
Dann lernen wir im Laufe der Zeit, Hilfe anzunehmen und Hilfsmittel wie Rollator, Rollstuhl, Krücken, Festhaltemöglichkeiten in der Dusche oder Wanne und so unendlich viel mehr zu akzeptieren. Damit wir ein besseres Leben haben. Ein vielleicht „gutes“ Leben im Rahmen unserer Möglichkeiten. Das ist unser Ziel sowie das Ziel eines jeden Angehörigen, der den Weg mit uns geht.
Unser Selbstwert
Eine chronische Erkrankung kann uns also vieles nehmen – eins jedoch bekommt sie nicht: unseren Selbstwert:
Dein Wert bleibt – auch wenn sich dein Leben verändert.
Denn du bist nicht deine Krankheit.
Du bist all das, was darüber hinausgeht – deine Gedanken, deine Liebe, dein Mut, dein Lächeln, selbst an den schweren Tagen.
Es braucht Stärke, sich jeden Morgen neu den eigenen Grenzen zu stellen.
Es braucht Würde, sich selbst mit all den Brüchen und Wunden anzunehmen.
Der Selbstwert ist der stille Anker, der dich hält, wenn das Außen wankt.
Er erinnert dich daran, dass du genug bist – nicht, weil du „funktionierst“, sondern weil du einfach bist.
Wer sich selbst mit Mitgefühl begegnet, verliert sich nicht in der Krankheit, sondern findet einen neuen Weg, mit sich im Frieden zu sein.
Dein Wert war nie an Gesundheit gebunden – und er wird es auch nie sein!
Zwischen all den Verlusten wächst etwas Neues
Wenn man gelernt hat, sich selbst immer noch wertzuschätzen, dann lernt man auch, was wirklich zählt. Man entdeckt eine innere Stärke, die man nie gesucht, aber gebraucht hat. Man beginnt, die kleinen Dinge tiefer zu spüren – einen ruhigen Morgen, ein ehrliches Lächeln, Momente ohne Schmerz.
Ja, man verliert. Aber man gewinnt auch: Tiefe, Achtsamkeit, Echtheit. Und vielleicht sogar ein neues Verständnis von Leben – jenseits dessen, was man früher für „normal“ hielt.
Dabei hilft uns auch, wenn wir, wie anfangs erwähnt, versuchen, die Perspektive zu wechseln: Ganz weg von dem Fokus auf das Schlechte, Schlimme, Schmerzhafte in unseren Leben und hin zu dem, was wir noch können. Vielleicht können wir noch sehen, selbstständig atmen, kleine Strecken laufen. Wir können spüren: den feinen Luftzug, wenn die strahlende Sonne vom Himmel scheint; wir können unsere Lieblingsmusik hören und/oder uns einen Film anschauen und ihn begreifen. Wir schmecken die leckere Torte oder das würzige Steak, wir riechen den Frühling oder den Herbst. Wir nehmen die bunte Vielfalt der Herbstblätter wahr und beobachten ein Kind, das fröhlich durch einen Blätterhaufen tobt oder durch große Pfützen hüpft.
Wir können sprechen und schreiben und somit in ein soziales Miteinander gehen: Menschen ansprechen, sich Gruppen anschließen.
Wir können einem Passanten zulächeln und das kleine zarte Blümchen bewundern, das sich durch den harten Asphalt schiebt. Wir können lernen, das Gute in unserem Leben zu sehen und den Fokus darauf zu richten, denn dann nimmt das weniger Gute nicht mehr so viel Raum und vor allem nicht mehr den übergroßen Stellenwert ein.
Dankbarkeit
Sich auf das Gute zu besinnen, lässt uns tiefe Dankbarkeit spüren und diese trägt uns – auch über die schlechten Tage und all die schmerzlichen Veränderungen hinweg. Wir dürfen unser Bewusstsein den wundervollen kleinen Augenblicken zuwenden, sie aufreihen und bewusst genießen, als das, was sie sind: etwas Besonderes in unserem Leben! Und das macht Leben aus: Licht und Schatten, aber mit dem Fokus auf das Licht (das ja ohne Schatten nicht existieren könnte).
Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie Lust darauf haben, sich auf das Wertvolle in Ihrem Leben zu besinnen, es wahrzunehmen und sehr wertzuschätzen. Dann gehen wir nämlich einen Schritt weiter in Richtung Heilung – für unsere Seele, die uns trägt!
Alles Liebe
Heike Führ