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Initiative Selbsthilfe Multiple Sklerose Kranker e. V.

Wenn Worte plötzlich fehlen - Brain Fog bei Multipler Sklerose

Heike Führ, Blickpunkt-Ausgabe 03/2026

Viele Menschen mit Multipler Sklerose kennen das Gefühl: Das gesuchte Wort liegt „irgendwo im Kopf“, aber es will einfach nicht auftauchen. Namen, Begriffe oder einfache Formulierungen scheinen plötzlich wie ausgelöscht zu sein – obwohl man genau weiß, dass man sie eigentlich kennt. Solche Wortfindungsstörungen können verunsichern, frustrieren und im Alltag belastend sein. Noch belastender wird es oft dann, wenn zusätzlich Konzentration, Merkfähigkeit oder geistige Belastbarkeit nachlassen.

Kognitive Symptome bei MS: mehr als Vergesslichkeit

Kognitive Veränderungen gehören bei MS zu den Symptomen, über die noch immer zu wenig gesprochen wird – obwohl sie für viele Betroffene sehr real sind. Wichtig ist deshalb: Wer solche Veränderungen bemerkt, bildet sich das nicht ein. Und es ist auch kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein Symptom, das zur Erkrankung gehören kann.

MS betrifft nicht nur Beweglichkeit, Kraft oder Sensibilität, sondern kann auch die Informationsverarbeitung im Gehirn beeinflussen. Kognitive Symptome zeigen sich dabei sehr unterschiedlich. Manche Menschen bemerken vor allem Konzentrationsprobleme, andere eine verlangsamte Verarbeitung, Schwierigkeiten beim Planen oder eben Probleme mit der Sprache. Diese Symptome werden auch als Brain Fog oder Gehirnnebel bezeichnet.

Typische kognitive Veränderungen bei MS können sein:

  • Wortfindungsstörungen;
  • Konzentrations- und Aufmerksamkeitsprobleme;
  • verlangsamtes Denken und Verarbeiten von Informationen;
  • Schwierigkeiten, sich Neues zu merken;
  • Probleme, mehrere Dinge gleichzeitig zu bewältigen;
  • mentale Erschöpfbarkeit, besonders bei Stress oder Reizüberflutung.

Diese Veränderungen bedeuten nicht automatisch, dass schwere kognitive Einschränkungen vorliegen. Oft sind sie subtil und schwanken von Tag zu Tag – je nach Fatigue, Schlaf, Stress, Temperatur oder aktueller Krankheitsaktivität.

Warum oftmals gerade die Worte fehlen

Wortfindungsstörungen entstehen nicht, weil Wissen verloren gegangen ist. Vielmehr ist der Zugriff auf dieses Wissen erschwert. Das Gehirn weiß gewissermaßen noch, was gesagt werden soll – aber der Weg zum passenden Wort ist verlangsamt oder kurzzeitig blockiert.

Bei MS können Entzündungsherde und Schädigungen der Nervenbahnen die Kommunikation zwischen verschiedenen Hirnarealen beeinträchtigen. Sprache, Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Verarbeitungsgeschwindigkeit arbeiten jedoch eng zusammen. Wenn eines dieser Systeme ins Stocken gerät, kann sich das direkt auf das Sprechen auswirken. Dann fehlen plötzlich Alltagsbegriffe, Namen oder Formulierungen, obwohl sie kurz darauf wieder verfügbar sind.

Für Betroffene fühlt sich das oft widersprüchlich an: Man ist geistig da, kennt das Wort – und bekommt es trotzdem nicht „zu fassen“. Genau das macht Wortfindungsstörungen so frustrierend.

Wenn Sprechen anstrengend wird

Wortfindungsprobleme sind nicht nur ein sprachliches Thema, sondern oft auch ein emotionales. Gespräche werden anstrengender, spontane Antworten fallen schwerer, und in Gruppen oder unter Zeitdruck steigt die Unsicherheit. Manche Betroffene ziehen sich deshalb zurück oder vermeiden Situationen, in denen sie sich erklären müssen.

Hinzu kommt die Sorge, von anderen falsch eingeschätzt zu werden – etwa als unkonzentriert, nervös oder „nicht ganz bei der Sache“. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Viele Menschen mit MS strengen sich gerade in Gesprächen besonders an, um den Faden nicht zu verlieren und Lücken zu überspielen. Das kostet Kraft.

Kognitive Defizite sind unsichtbar – aber nicht unbedeutend

Gerade weil man Wortfindungsstörungen und kognitive Veränderungen/den Brain Fog von außen oft nicht sieht, werden sie leicht unterschätzt. Wer körperlich relativ fit wirkt, hört nicht selten Sätze wie: „Das hat doch jeder mal“ oder „Du musst dich einfach besser konzentrieren.“ Solche Reaktionen können verletzend sein, weil sie das eigentliche Problem verkennen. Denn hier geht es oft um mehr als um gelegentliche Aussetzer. Wenn solche Situationen häufiger auftreten, zunehmen oder den Alltag spürbar beeinträchtigen, sollten sie ernst genommen werden – genauso wie andere (unsichtbare) Symptome der Erkrankung.

Was die Beschwerden verstärken kann

Der Brain Fog bei MS tritt selten isoliert auf. Häufig wird er durch andere Belastungsfaktoren verstärkt. Dazu gehören vor allem:

  • Fatigue: Geistige Erschöpfung verschlechtert Aufmerksamkeit und Wortabruf;
  • Stress und Zeitdruck: Das Gehirn hat weniger Kapazität für Sprache und Konzentration;
  • Schlafmangel: mindert Gedächtnis und geistige Belastbarkeit;
  • Hitze: kann bestehende neurologische Symptome verstärken;
  • Reizüberflutung: Zu viele Eindrücke gleichzeitig erschweren das Sortieren und Formulieren;
  • Schmerzen oder psychische Belastung: kosten Energie, die dann für kognitive Leistungen fehlt.

Es lohnt sich deshalb, nicht nur auf das Symptom selbst zu schauen, sondern auch auf die Bedingungen, unter denen es besonders stark auftritt.

Hilfreiche Strategien im Alltag

Auch wenn Wortfindungsstörungen und kognitive Defizite belastend sein können, gibt es Möglichkeiten, den Alltag zu entlasten. Entscheidend ist nicht, perfekt zu funktionieren, sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen das Gehirn besser arbeiten kann.

Hilfreich ist es beispielsweise,

  • Pausen bewusst einplanen und sich auch zu nehmen: Kognitive Leistung ist endlich – und bei MS oft schneller erschöpft. Regelmäßige Ruhephasen helfen, Überlastung zu vermeiden.
  • Gespräche entzerren: Wichtige Telefonate, Gespräche oder organisatorische Aufgaben gelingen oft besser zu Zeiten, in denen die geistige Energie am höchsten ist.
  • Druck herausnehmen: Ein fehlendes Wort darf gesucht werden. Umschreibungen sind erlaubt, ebenso kurze Sprechpausen. Kommunikation muss nicht perfekt sein, um gut zu sein. Das darf man sich immer wieder bewusst machen.
  • Hilfsmittel nutzen: Notizen, Kalender, Erinnerungsfunktionen im Handy oder kleine Merkhilfen im Alltag sind keine Schwäche, sondern kluge Unterstützung.
  • Reize reduzieren: Ruhige Umgebung, weniger Nebengeräusche und das Bearbeiten von Aufgaben nacheinander statt gleichzeitig können das Denken deutlich erleichtern.
  • Offen damit umgehen: Das halte ich für besonders wichtig und habe damit sehr gute Erfahrungen gemacht, denn es kann entlastend sein, nahestehenden Menschen oder Kolleg*innen kurz zu erklären, dass Wortfindungsstörungen oder Konzentrationsprobleme Teil der MS sein können. Das nimmt Druck aus Gesprächen und beugt Missverständnissen vor.
  • Diagnostik und Unterstützung: Darüber sprechen lohnt sich: Wer kognitive Veränderungen bei sich bemerkt, sollte sie bei Neurolog*innen ansprechen – auch dann, wenn sie „nur“ gelegentlich auftreten. Kognitive Symptome sind ein wichtiger Teil der Erkrankung und verdienen Aufmerksamkeit.
  • Je nach Situation kann eine neuropsychologische Diagnostik sinnvoll sein. Sie hilft dabei, Stärken und Schwächen genauer einzuordnen und gezielte Strategien zu entwickeln. Auch logopädische oder neuropsychologische Unterstützung kann hilfreich sein, insbesondere wenn Sprache, Aufmerksamkeit oder Gedächtnis deutlich beeinträchtigt sind.

Die lieben Gefühle

All die beschriebenen Schwächen können unser Selbstbild wirklich erschüttern. Wer gewohnt war, schnell zu denken, souverän zu sprechen und vieles gleichzeitig zu organisieren, erlebt diese Veränderungen oft als schmerzhaften Verlust.

Umso wichtiger ist ein Perspektivwechsel: Kognitive Symptome sagen nichts über den Wert eines Menschen aus. Sie machen niemanden weniger klug, weniger kompetent oder weniger liebenswert.

MS kann den Zugriff auf Worte erschweren, die Verarbeitung verlangsamen oder geistige Energie begrenzen. Aber sie nimmt nicht die Persönlichkeit, nicht die Lebenserfahrung und nicht die Fähigkeit, sich mitzuteilen.

Manchmal braucht es andere Wege, mehr Pausen oder mehr Geduld mit sich selbst. Doch auch das ist Teil eines selbstfürsorglichen Umgangs mit der Erkrankung.

Fazit

Wortfindungsstörungen und kognitive Veränderungen gehören für viele Menschen mit MS zum Alltag – oft unsichtbar, aber dennoch belastend. Sie sind kein Zeichen von mangelnder Anstrengung und auch kein persönliches Versagen, sondern mögliche neurologische Folgen der Erkrankung.

Wer sie ernst nimmt, offen anspricht und sich Unterstützung holt, kann lernen, besser damit umzugehen. Nicht immer lassen sich Symptome verhindern. Aber sie lassen sich oft besser verstehen, einordnen und im Alltag abfedern. Und genau darin liegt eine wichtige Botschaft: Auch wenn Worte manchmal fehlen, geht die eigene Stimme nicht verloren.

Und auch mir passiert es oft, dass mir sogar beim Schreiben die Worte nicht einfallen: Dann tippe ich drei große XXX als Platzhalter und ersetze sie dann irgendwann, wenn mir das gesuchte Wort wieder einfällt.

Ich sende herzliche Grüße und möchte alle Leser*innen darin bestärken, liebevoll mit sich selbst zu bleiben. Denn all diese Symptome machen uns nicht weniger klug, nicht weniger kompetent oder wertvoll – sie sind ein Symptom und nicht die Definition eines Menschen.

Heike Führ