Wie du lernst, gute Entscheidungen für dich zu treffen
Irene Teubner, Blickpunkt-Ausgabe 01/2026
Gerade mit der Diagnose müssen wir zwangsweise mehr Entscheidungen treffen, möglicherweise härtere Entscheidungen, die durchaus richtungsweisend für unser zukünftiges Leben sind. Vorneweg: Habt keine Angst, die falschen Entscheidungen zu treffen. Keiner von uns ist perfekt. Immerhin lassen uns diese „falschen“ Entscheidungen an uns selbst wachsen, und manchmal führen sie sogar zu etwas Wunderbarem, an das wir vorher nicht zu denken vermocht haben.
Der Unterschied zwischen „eine Wahl haben“ und „du musst dich entscheiden“
Wir alle stehen täglich vor großen und kleinen Entscheidungen. Manchmal fühlen sie sich an wie ein Drahtseilakt, manchmal wie eine Lotterie. Aber eins ist sicher: Humor kann uns dabei helfen, auch die schwierigsten Entscheidungen mit einem Schmunzeln zu meistern. Und manchmal sind diese Entscheidungen auch „Lebensentscheider“.
Entscheidung – irgendwie ein Wort, das einem durchaus Angst machen kann. Ein hartes Wort. Ich habe lieber eine Wahl. Das hört sich schon wesentlich weicher an. Aber wo ist jetzt da der Unterschied? Der kleine, aber feine Unterschied zwischen „eine Wahl haben” und „du musst dich entscheiden”, das ist wie der Unterschied zwischen einem All-you-can-eat-Buffet und dem letzten Stück Pizza auf dem Tisch.
Bei „eine Wahl haben” fühlen wir uns wie ein Kind im Süßigkeitenladen. Wir haben die Qual der Wahl zwischen Gummibärchen, Schokolade und Lakritze. Wir können uns in Ruhe umschauen, alles abwägen und vielleicht sogar ein bisschen was probieren. Klingt toll, oder? Aber Vorsicht: Zu viele Optionen können auch zu einer Entscheidungsparalyse führen – wir stehen stundenlang vor den Regalen und können uns einfach nicht entscheiden, was wir denn nun mitnehmen möchten.
„Du musst dich entscheiden” hingegen ist wie die Mutter, die ungeduldig an der Kasse wartet und ruft: „Jetzt nimm endlich was, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit!” Es ist der kategorische Imperativ des 21. Jahrhunderts. Du hast zwar theoretisch immer noch Optionen, aber der Druck ist real. Es ist, als würdest du in einer Gameshow stehen und der Moderator zählt runter: „3… 2… 1… entscheide dich!” Im Grunde genommen ist es der Unterschied zwischen „Ich könnte” und „Ich muss”. „Eine Wahl haben” lässt uns die Illusion der Freiheit, während „du musst dich entscheiden” uns klar macht, dass wir mit der Freiheit auch Verantwortung übernehmen.
Die alltäglichen Entscheidungen, die uns manchmal ratlos machen
Wir treffen täglich Entscheidungen, obwohl es uns oft gar nicht richtig bewusst ist. So stehen wir vor dem Kleiderschrank, er quillt über vor Kleidung, doch für einen besonderen Anlass finden wir nichts Passendes. Wir sind ratlos und können uns nicht entscheiden. Oder wir sitzen mit unserem Partner vor dem Fernseher und kabbeln uns um die Fernbedienung. Unser Partner will Fußball oder eine Dokumentation in Sachen Technik sehen, wir möchten lieber den Rosamunde Pilcher-Film sehen (natürlich nur wegen der tollen Landschaftsbilder…). Es entwickelt sich ein regelrechtes Kämpfchen um die Programmwahl. (Merke: Wer die Fernbedienung hat, hat die Macht! Kleiner Tipp: Wenn wir nicht Herr oder Herrin dieser Fernbedienung werden können, bestechen wir einfach unsere Partner. Schokolade hilft. Immer! Bei meinem ist es Nougat und meine Wünsche sind seine).
Oder wir stehen vor einem Wegweiser-Irrgarten, etwa an einer Kreuzung mit unzähligen Wegweisern. Wir wissen nicht, welchen wir folgen sollen. Wir drehen uns im Kreis und fühlen uns immer verlorener. Dieser Wegweiser-Irrgarten steht, sinnbildlich gesehen, auch für unsere alltäglichen Entscheidungen, aber auch die großen Entscheidungen in unserem Leben.
Sei wie eine Katze: frei, instinktsicher, an deinem Wohl interessiert
Aber wisst ihr, wer mit der Fähigkeit, schnelle Entscheidungen zu treffen, verbunden wird? Es ist kein Mensch. Es ist die Katze! Katzen sind hervorragende Jäger. Sie müssen oft sehr schnell reagieren, um ihre Beute zu erlegen. Diese Fähigkeit, in Bruchteilen von Sekunden zu entscheiden und zu handeln, hat sich in ihrem Verhalten festgesetzt. Katzen sind sehr selbstständig und gewohnt, allein Entscheidungen zu treffen. Sie sind sie äußerst agil und können sich an verschiedene Situationen anpassen. Zudem sind sie oft sehr direkt und handeln spontan. Sie lassen sich nicht von Zweifeln oder Ängsten lähmen, sondern folgen ihrem Instinkt.
Was bedeutet das für uns? Die Fähigkeit, schnelle Entscheidungen zu treffen, ist auch für uns Menschen in vielen Situationen von Vorteil. Wenn wir die Katze als Vorbild nehmen, können wir folgende Eigenschaften in uns fördern:
- Achtsamkeit: Indem wir unsere Umgebung aufmerksam beobachten, können wir schneller auf Veränderungen reagieren und bessere Entscheidungen treffen.
- Intuition: Wir sollten lernen, auf unsere innere Stimme zu hören und unseren Instinkten zu vertrauen.
- Entschlossenheit: Zögern führt oft zu schlechteren Entscheidungen. Es ist wichtig, dass wir uns schnell entscheiden und dann auch handeln.
- Flexibilität: Die Fähigkeit, sich an veränderte Situationen anzupassen (was ja für uns oftmals Alltag ist), ist notwendig für schnelle und erfolgreiche Entscheidungen.
- Selbstvertrauen: Wenn wir an unsere Fähigkeiten glauben, fällt es uns leichter, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen.
Allerdings ist es mir wichtig zu betonen, dass nicht jede schnelle Entscheidung auch die richtige ist. Manchmal ist es notwendig, sich Zeit zu nehmen, um alle Aspekte einer Situation abzuwägen. Die Katze soll hier eher als Inspiration diesen, um schneller und entschlossener zu handeln, ohne unsere Fähigkeit zur rationalen Abwägung zu verlieren.
Schwierigere Entscheidungsfindung aufgrund der MS
Das liegt an einer Vielzahl von Faktoren, die sowohl die Krankheit selbst als auch die damit verbundenen Lebensumstände betreffen. Gründe für komplexere Entscheidungsprozesse bei MS:
- Unvorhersehbarkeit der Erkrankung: MS ist eine chronische Erkrankung mit einem unvorhersehbaren Verlauf. Schwankungen in den Symptomen erschweren die Planung und machen es schwierig, langfristige Entscheidungen zu treffen.
- Kognitive Einschränkungen: Viele Menschen mit MS leiden unter kognitiven Störungen wie Konzentrationsschwäche, Gedächtnisprobleme oder Schwierigkeiten beim logischen Denken. Diese Einschränkungen können die Fähigkeit, Informationen zu verarbeiten und abzuwägen, beeinträchtigen.
- Müdigkeit: Chronische Müdigkeit ist ein häufiges Symptom bei MS. Sie kann die Konzentration und die Fähigkeit zur Entscheidungsfindung erheblich einschränken.
- Emotionale Belastung: Die Diagnose MS und der damit verbundene Verlust an Kontrolle über das eigene Leben können zu emotionalen Belastungen wie Angst, Depression und Unsicherheit führen. Diese Gefühle können die Entscheidungsfindung zusätzlich erschweren.
- Soziale Faktoren: Die Erkrankung kann sich auf das soziale Umfeld und die berufliche Situation auswirken. Diese Veränderungen können zu weiteren Entscheidungsnotwendigkeiten führen und die bestehenden zusätzlich verkomplizieren.
- Medikamentöse Nebenwirkungen: Einige Medikamente zur Behandlung von MS können Nebenwirkungen wie Müdigkeit, kognitive Störungen oder Stimmungsschwankungen verursachen, die die Entscheidungsfähigkeit beeinträchtigen.
Beispiele für komplexe Entscheidungen sind etwa:
- Berufliche Entscheidungen: Soll ich trotz der Erkrankung weiterarbeiten? Wenn ja, in welchem Umfang? Welche Anpassungen am Arbeitsplatz sind notwendig?
- Medizinische Entscheidungen: Welche Behandlungsoptionen sind die richtigen? Welche Risiken sind mit den verschiedenen Therapien verbunden?
- Alltägliche Entscheidungen: Welche Aktivitäten kann ich noch ausüben? Wie plane ich meinen Alltag, um Müdigkeit und Überanstrengung zu vermeiden?
- Zukunftsplanung: Wie sieht meine Zukunft aus? Kann ich noch eine Familie gründen? Welche finanziellen Vorkehrungen muss ich treffen?
Wer kann uns bei der Entscheidungsfindung unterstützen?
Gerade weil Entscheidungsprozesse von Menschen mit der Diagnose MS oft komplexer und herausfordernder sind als bei gesunden Personen, ist es wichtig, dass wir bei der Bewältigung dieser Herausforderungen unterstützt werden. Eine enge Zusammenarbeit zwischen uns, den Betroffenen mit Angehörigen, Freunden und Fachleuten ist dabei unerlässlich. Hier eine mögliche Auswahl:
- Psychologische Unterstützung: Psychotherapeut*innen können dabei helfen, mit den emotionalen Belastungen umzugehen und Strategien zur Bewältigung von Entscheidungssituationen zu entwickeln.
- Gespräche mit anderen Betroffenen: Der Austausch mit anderen Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, kann sehr hilfreich sein.
- Unterstützung durch Selbsthilfegruppen: Selbsthilfegruppen bieten ein Forum zum Austausch und können praktische Tipps geben.
- Beratung durch Fachleute: Ärzt*innen, Pflegekräfte und Sozialarbeiter*innen können bei der Entscheidungsfindung unterstützen und Informationen zu verschiedenen Optionen liefern.
Gründe für unsere Unentschlossenheit: Die Geschichte von Buridans Esel
Hierzu möchte ich euch die Geschichte von Buridans Esel erzählen. Es ist ein klassisches philosophisches Gedankenexperiment, das die Schwierigkeit verdeutlichen soll, sich zwischen zwei gleich attraktiven (oder weniger attraktiven, wie z. B. der Wahl einer medikamentösen Therapie im Verlauf der Diagnose MS) zu entscheiden.
Ein Esel steht genau zwischen zwei Heuhaufen. Beide sind gleich groß, gleich weit entfernt und von gleicher Qualität. Der Esel ist hungrig und möchte gerne fressen. Doch weil beide Heuhaufen für ihn gleich attraktiv sind, kann er sich einfach nicht entscheiden, zu welchem er gehen soll. Er steht also da und verhungert schlussendlich, weil er nicht in der Lage ist, eine Wahl zu treffen.
Gleichwertigkeit der Optionen: Beide Heuhaufen bieten dem Esel den gleichen Nutzen. Es gibt keinen objektiven Grund, den einen dem anderen vorzuziehen.
Fehlen eines Entscheidungskriteriums: Der Esel hat kein Kriterium, an dem er seine Entscheidung festmachen kann. Es gibt keine äußeren Einflüsse oder inneren Präferenzen, die ihn in eine Richtung lenken.
Paradox der Wahl: In der heutigen Zeit stehen wir oft vor einer Überfülle an Optionen. Das kann zu einer sogenannten „Wahlparalyse“ führen, bei der wir uns aufgrund der vielen Möglichkeiten nicht entscheiden können. Buridans Esel ist eine extreme Darstellung dieses Phänomens.
Was bedeutet das für uns?
Die Geschichte von Buridans Esel zeigt uns, dass wir Menschen oft vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Wenn wir uns zwischen zwei gleichwertigen Optionen entscheiden müssen, kann es schwierig sein, eine Wahl zu treffen. Sie zeigt uns, dass die Schwierigkeit, sich zu entscheiden, ein sehr menschliches Problem ist. Es ist wichtig zu erkennen, dass es manchmal einfach keine perfekte Lösung gibt und dass wir uns auch für eine Option entscheiden können, die nicht hundertprozentig optimal ist.
Das Schwierige an Entscheidungen
Sie werden von Emotionen beeinflusst. Von Ängsten, Unsicherheiten, Hoffnung und Euphorie. Von Familie, Freund*innen und Ärzt*innen. Entscheidungen sind oft eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Ihr verliert den Überblick in euren Entscheidungen? Lasst uns eine Liste erstellen:
- Optionen reduzieren: Zu viele Vergleiche überlasten uns.
- Prioritäten setzen: Was ist wirklich wichtig?
- Informationen sammeln: alle relevanten Informationen sammeln, um eine fundierte Entscheidung treffen zu können.
- Alternativen abwägen: alle möglichen Optionen überdenken und ihre Konsequenzen.
- Rat suchen und mit der Familie, Freund*innen oder Expert*innen sprechen. Aber dabei den eigenen Weg gehen.
- Antizyklisch denken und Mut zu unkonventionellen Entscheidungen haben. Sich selbst folgen und nicht den anderen.
- Eine positive Fehlerkultur entwickeln: falsche Entscheidungen als Lernchancen betrachten.
- Die „10-10-10-Regel” anwenden: überlegen, wie man sich mit einer Entscheidung in 10 Tagen, 10 Wochen und 10 Jahren fühlen wird.
- Entscheiden und handeln! Zögern führt nur zu mehr Stress.
- Akzeptieren, dass nicht jede Entscheidung perfekt sein muss.
- Dem Bauchgefühl vertrauen: in vielen Fällen der beste Ratgeber…
- Zusätzlicher Tipp: Manchmal ist die beste Entscheidung, einfach gar keine Entscheidung zu treffen. Einfach mal treiben lassen, das kann auch ganz schön entspannend sein.
Entscheidungen treffen heißt: den Mut haben, ins kalte Wasser zu springen. Was ist mit euch? Gibt es Entscheidungen, die noch vor euch liegen und euch vielleicht Angst machen? Springt, damit ihr fliegen könnt!
Eure
Irene
