Künstliche Intelligenz verändert die MS-Arbeitswelt
Tom Foell, Blickpunkt-Ausgabe 02/2026
In der BP-Ausgabe 4/25 hatte ich das Programm Mission:Success! des Hildegardis-Vereins näher vorgestellt und auch ein Interview mit der Programmleiterin angekündigt, das aufgrund von Terminschwierigkeiten bislang leider noch nicht umgesetzt werden konnte. Deshalb möchte ich heute zunächst einmal etwas zum Einfluss von künstlicher Intelligenz (KI) auf die Arbeitswelt und über mögliche Konsequenzen für Menschen mit MS (MmMS) schreiben. Im Science-Fiction-Film Minority Report aus 2002 arbeitet Tom Cruise mithilfe von KI, ohne Tastatur, nur mit digitalen Handschuhen, um als Polizist Verbrechen zu verhindern. Damals noch Science-Fiction, vereinfacht der Einsatz von KI-Hilfsmitteln heute immer mehr unseren Arbeitsalltag.
Die Tufts-Studie, was sie sagt und warum sie uns betrifft
Ich selbst bin zwar kein Polizist, sondern Director Strategy in einer Werbeagentur, der mit MS lebt, ich arbeite aber mittlerweile täglich mit KI. Mein Arbeitsumfeld ändert sich dadurch ständig, und ich finde es immer wieder erstaunlich, wie viele Hilfsmittel KI für meine Arbeit liefern kann. Daher bin ich sofort in eine neue Studie der Tufts University über die Konsequenzen für Arbeitnehmer*innen in den USA eingetaucht.
Das Forschungszentrum Digital Planet der Tufts University hat untersucht, welche amerikanischen Berufe durch KI real gefährdet sind. Also Berufe, die nicht einfach nur theoretisch automatisierbar, sondern tatsächlich von Verdrängung bedroht sind. Das Ergebnis überrascht mittlerweile nicht mehr: Nicht einfache körperliche Tätigkeiten tragen das höchste Risiko, sondern qualifizierte Wissensarbeit. IT, Kommunikation, Beratung, Verwaltung, etc.: Genau jene Felder, in denen text- und datenbasierte Arbeiten dominieren, sind am meisten betroffen. Rund 9,3 Mio. US-Jobs gelten damit als gefährdet (Abb. 1).
Chance und Herausforderung zugleich
Abb. 1: Die Top Ten der Jobs, die am meisten durch KI-Unterstützung profitieren, nach Potenzial der KI-Ergänzung in %

Quelle: Nach Chakravorty et al. 2026, Share of Tasks Augmented by AI, by Occupation
Wer in diesen Berufen arbeitet, kann KI als mächtiges Werkzeug nutzen: für schnellere Recherche, tiefere Analysen, komplexe Programmierung etc. Der Produktivitätsgewinn ist sofort spürbar.
Doch dieselbe Studie zeigt auch: Genau diese Berufe sind am stärksten gefährdet. KI produziert Code, wertet Daten aus, findet Quellen...
Wer langfristig relevant bleiben will, muss KI nicht nur nutzen, sondern verstehen. Die eigene Rolle gemeinsam mit KI neu zu definieren ist keine Option. Es ist die zentrale Berufsaufgabe der nächsten Jahre. Besonders für MmMS.
Für uns als MmMS ist das keine irrelevante, entfernte Arbeitsmarktstatistik aus einem anderen Land. Viele von uns sind genau in diesen Bereichen beschäftigt: im Bürojob, u. a. im Homeoffice, manche in Teilzeit, mit Anpassungen, die wir uns über Jahre entwickelt haben. Flexible Arbeitszeiten, digitale Werkzeuge, reduzierte Präsenzpflicht sind Stellschrauben, die in flexiblen Arbeitswelten heute oft verfügbar sind. Und es sind oft Berufe in der Wissensarbeit, die diese Flexibilität ermöglichen. Das bedeutet: Wer seine Berufsbiografie bereits neu verhandelt, Stunden reduziert, Aufgaben angepasst, einen neuen Rhythmus gefunden hat, steht jetzt erneut vor einer Veränderung. Mit dem prognostizierten Ausmaß nennen wir es vielleicht besser eine Revolution oder neudeutsch „Disruption“. Und diese braucht eine klare Analyse, damit wir Chancen und Risiken verstehen können.
30 Jahre Therapierevolution
Dazu möchte ich vorab die Entwicklung der letzten Jahrzehnte in der MS-Therapie und den Einfluss der modernen Medizinentwicklung in diesen Kontext rücken, weil ich finde, dass die Vernetzung von beidem gerade für MmMS sehr relevant ist. Durch zunehmende Erkenntnisse und Methoden in der Therapie lässt sich MS heute viel besser behandeln als vor 30 Jahren. Was MS im Berufsleben bedeutet, ist damit komplett anders als noch vor 30 Jahren.
So gab es Anfang der 90er-Jahre kaum wirksame Therapien. Die Diagnose MS bedeutete für viele Betroffene einen vorgezeichneten Weg in Richtung Berufsaufgabe. Das hat sich grundlegend gewandelt. Seit der Zulassung der ersten Interferone im Jahr 1993 wurden knapp 20 schulmedizinische Medikamente entwickelt. Von den frühen Basistherapien über orale Präparate wie Fingolimod und Dimethylfumarat bis zu monoklonalen Antikörpern wie Natalizumab oder Ocrelizumab. Die Bandbreite ist heute größer als je zuvor.
Parallel dazu haben sich ernährungsbasierte und komplementäre Ansätze etabliert. Dr. Terry Wahls, selbst MS-Betroffene und Medizinerin, entwickelte ein auf mitochondrialer Zellernährung basierendes Protokoll, das in klinischen Studien Fatigue und Funktionsfähigkeit positiv beeinflusst und die linolsäurearme Diät von Dr. Olaf Hebener als zusätzliche Option ergänzt. Das Coimbra-Protokoll mit hochdosiertem Vitamin D gewinnt unter Ärzt*innen und Betroffenen zunehmend Aufmerksamkeit, auch wenn die Studienlage weiter diskutiert wird. Entzündungshemmende Ernährungskonzepte, angenähert an mediterrane oder ketogene Muster, werden von vielen Betroffenen als wirksame Ergänzung erlebt.
Das Ergebnis dieser Entwicklung: MmMS sind heute zum Glück länger erwerbstätig, stabiler im Alltag und planbarer in ihrer Arbeit als je zuvor. Die Diagnose ist kein automatischer Ausschluss mehr. MS ist zwar leider immer noch eine unheilbare chronische Erkrankung, aber wie sie sich auf das Berufsleben auswirkt, hat sich fundamental verändert.
KI als Hilfsmittel für MmMS
Derselbe technologische Wandel, der einerseits Stellen bedroht, baut andererseits Barrieren ab – und zwar genau jene, die auch MmMS im Berufsalltag besonders belasten. Sprachsteuerung reduziert die Abhängigkeit von Feinmotorik. Automatische Transkription macht lange Meetings für Menschen mit kognitiver Fatigue zugänglicher. KI-gestützte Zusammenfassungen helfen, Informationen zu strukturieren, wenn die Konzentration nachlässt. Adaptive Interfaces passen sich an individuelle Einschränkungen an. Routineaufgaben, die früher Energie kosteten, werden automatisiert. Was bleibt, ist die Arbeit, für die Erfahrung, Urteilsvermögen und menschliche Emotionen und Ratio sowie Präsenz immer noch unersetzlich sind.
Das ist kein Widerspruch zur Tufts-Studie. Dieselbe Technologie, die Berufsbilder verändert, macht Arbeit für Menschen mit Einschränkungen zugänglicher als je zuvor. Wer das frühzeitig versteht und aktiv gestaltet, hat die beste Chance, nicht zum Opfer des Wandels zu werden, sondern Teil seiner Steuerung.
Betroffene als Innovatoren
Es gibt einen Punkt in dieser Debatte, der mir besonders wichtig ist und der mir in der öffentlichen Diskussion viel zu kurz kommt. Die Zahl der Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen wächst. Demografischer Wandel, bessere Diagnosen, längeres Leben mit chronischen Erkrankungen führt dazu, dass Behinderung und chronische Erkrankung keine Randphänomene mehr sind, sondern gesellschaftliche Realität für einen wachsenden Teil der Bevölkerung. Unternehmen, die das ignorieren, verlieren Talente und Marktverständnis. Unternehmen, die es ernst nehmen, gewinnen immer mehr. Unter anderem auf dem Global Disability Summit in Berlin habe ich gelernt, dass resiliente, kreative Betroffene häufig die besten Innovatoren sind. Nicht trotz ihrer Einschränkungen, sondern wegen der Art, wie sie gelernt haben, mit Systemen umzugehen, die nicht für sie gebaut wurden. Wer ein Arbeitsleben lang improvisiert, priorisiert, Alternativen findet und trotzdem liefert, hat Kompetenzen entwickelt, die in einer Phase kollektiver Unsicherheit, wie der aktuellen KI-Transformation, von echtem Wert sind. Anpassungsfähigkeit ist kein Soft Skill. Sie ist Wettbewerbsvorteil.
KI ist in der Software-Entwicklung schon heute so stark, dass einzelne Personen oder Gruppen, wie z. B. Aktivist*innen in Selbsthilfegruppen, allein echte Lösungen finden können. Betroffene entwickeln somit selbst Assistenztechnologien, neue Arbeitsmodelle, inklusive Produkte – und zwar nicht aus Altruismus, sondern weil sie den Bedarf kennen wie niemand sonst. Diese Innovationskraft ist eine gesellschaftliche Ressource, die wir noch nicht gut genug nutzen. Und sie wächst, je mehr Betroffene durch bessere Therapien und bessere Werkzeuge im Berufsleben bleiben.
Was bedeutet das?
Drei Gedanken, die ich aus einer Doppelperspektive als Stratege und Betroffener auch für mich mitnehme:
- Die eigene Anpassungsfähigkeit benennen. Wie wir gelernt haben, mit Komplikationen umzugehen, ist eine Kompetenz. In Gesprächen mit Arbeitgeber*innen, in Bewerbungen, in der eigenen Selbstwahrnehmung braucht es eine Korrektur ins Positive.
- Den technologischen Wandel aktiv verfolgen. Welche KI-Werkzeuge können die eigene Arbeit erleichtern oder sogar verbessern? Das ist heute keine Frage für IT-Spezialist*innen, das ist eine Frage, die jede und jeden betrifft. Frühzeitig damit umzugehen, gibt Spielraum.
- Netzwerke nutzen. Programme wie Mission:Success! des Hildegardis-Vereins zeigen, dass Peer-Unterstützung und gezieltes Coaching einen realen Unterschied machen.
Mein Fazit
Ich habe bislang erlebt, wie sich die Bedingungen für MmMS langsam, aber stetig verändern, durch bessere Medikamente, durch digitale Werkzeuge, durch ein wachsendes Bewusstsein dafür, was Inklusion wirklich bedeutet. Der Wandel, über den wir gerade reden, gewinnt immer stärker an Geschwindigkeit und ist für viele sehr herausfordernd. Aber er kann auch eine großartige Chance sein, wenn wir ihn aktiv mitgestalten. Für uns als Betroffene. Für Unternehmen, die verstehen, was sie an uns haben. Und für eine Gesellschaft, die dringend mehr Gemeinsamkeit braucht.
Ich finde, das sind gute Nachrichten zum Weiterverbreiten. Und ich freue mich, wenn wir sie gemeinsam als Antrieb für etwas Neues nutzen. Frei von Stress nach Heinrich Kleist: „Man muss das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen.“
Wie sind eure Erfahrungen und Ideen im Beruf mit MS? Schreibt mir gerne.
Weitere Informationen
AXSChat (ein englischer Podcast, der sich mit Barrierefreiheit, Behinderung, assistiver Technologie, Vielfalt und der Zukunft der Arbeit beschäftigt), abrufbar im Internet unter www.axschat.com.
Chakravorti, B. et al. 17.3.2026. Will wired belts become the new rust belts? AI and the emerging geography of American job risk, abrufbar im Internet unter www.digitalplanet.tufts.edu/ai-and-the-emerging-geography-of-american-job-risk-page.
Coimbra-Protokoll, abrufbar im Internet unter www.coimbraprotokoll.de.
Mission:Success!, abrufbar im Internet unter www.hildegardis-verein.de/projekte/mission-success.
MS Therapiezentrum (Informationsplattform zur Antientzündungstherapie nach Dr. Hebener für Multiple Sklerose Patient*innen), abrufbar im Internet unter www.ms-therapiezentrum.de.
Wahls, T. (ausgewählte Publikationen der letzten Jahre), abrufbar im Internet unter https://scholar.google.com/citations?user=-JiTzoQAAAAJ&hl=en.
