MS und Beruf - Warum gemischte Teams mit Menschen mit Behinderung besser performen
Tom Foell, Blickpunkt-Ausgabe 04/2025
Nach meinem letzten Artikel über die Reha im Medical Park Loipl möchte ich heute einen Blick auf ein Thema werfen, das mich als Betroffener seit meiner Diagnose begleitet: die Vereinbarkeit von MS und Beruf. Eine Reha ist oftmals eng damit vernetzt, da es häufig darum geht, berufstätige Menschen mit MS (MmMS) wieder fit zu machen, u. a. auch für den Job. Über eine andere ehrenamtliche Tätigkeit durfte ich dieses Jahr am Global Disability Summit (GDS) in Berlin teilnehmen und habe mich dort komplett auf das Thema Beruf konzentriert. Dabei bin ich auf überraschend positive Erkenntnisse gestoßen, die ich gerne mit euch teilen möchte. Außerdem nehme ich seit einem Jahr auch an einem Pilotprojekt für berufstätige MmMS teil, das ich als einen sehr wichtigen Schritt in die richtige Richtung einstufe.
Die britische Realität – und was wir daraus lernen können
Eine aktuelle Studie der Work Foundation an der Universität Lancaster in Großbritannien zeigt ein bekanntes Bild: Die Hälfte der im Rahmen der Studie befragten 1.125 MmMS hat ihre Gesundheit gefährdet, indem sie in Arbeitsverhältnissen verblieb, die ihre Erkrankung nicht ausreichend berücksichtigt haben. Fast ein Drittel arbeitet unterhalb des eigenen Qualifikationsniveaus. 96 % gaben zudem an, dass MS ihre Arbeitsfähigkeit beeinträchtige, und für 24 % war eine Weiterbeschäftigung nicht mehr möglich. Die größten Hindernisse waren dabei Überlastung (26 %), fehlende Flexibilität bei den Arbeitszeiten (21 %) und unzureichende Anpassungen am Arbeitsplatz (21 %). Die Hälfte hatte ihren Job bereits wegen MS-bedingter Faktoren gekündigt.
Interessant ist aber auch, dass 79 % der Befragten angaben, ihre Arbeitgeber hätten versucht, sie zu unterstützen, und 45 % waren der Ansicht, dass es dem eigenen Arbeitgeber an Wissen über MS mangele. Diese Unkenntnis führe oft zum Ausscheiden aus dem Beruf. Mit der richtigen Unterstützung durch Politik und Arbeitgeber, so das Fazit, könnten viele MmMS weiterhin produktiv und erfüllend arbeiten.
Die gute Nachricht: MS-Skills sind Zukunftskompetenzen
Eine andere Studie des World Economic Forum zeigt, dass sich die Anforderungen von Arbeitgebern an ihre Mitarbeitenden bis 2030 stark ändern werden. Das ist mit der aktuellen Entwicklung (u. a. durch künstliche Intelligenz) sehr erwartbar, aber genau die Kompetenzen, die für die Arbeitswelt der Zukunft zentral sind, trainieren MmMS täglich im Umgang mit ihrer Erkrankung. Im Folgenden findet ihr eine Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse der Studie und meine Bewertung der Kernkompetenzen aus Sicht von MmMS.
Die Kern-Skills für 2030 und ihre Relevanz für MS-Betroffene
1. Resilienz, Flexibilität und Anpassungsfähigkeit Umgang mit Unsicherheit und Anpassungsfähigkeit: Diese Fähigkeiten trainieren wir im alltäglichen Leben mit MS ständig. MS-Betroffene sind häufig Meister*innen in Resilienz. Meine Empfehlung: Diese „Soft Power” bewusst in Bewerbungen oder Entwicklungsgesprächen hervorheben.
2. Motivation & Selbstbewusstsein Eigene Stärken, Grenzen und Antriebe kennen: Das ist eine zentrale Überlebensstrategie im Umgang mit Energiegrenzen, Fatigue und beruflicher Planung. Selbstreflexion durch Coaching oder Peer-Beratung kann hier zusätzlich stärken.
3. Kreatives Denken Lösungen neu denken, innovativ sein: Viele von uns entwickeln kreative Strategien zur Alltagsbewältigung. Diese Kreativität lässt sich auch beruflich nutzen, etwa in Storytelling, Gestaltung, Beratung oder Problemlösung.
4. Systemisches Denken Zusammenhänge und Wechselwirkungen verstehen: Durch Erfahrung mit komplexen Gesundheitssystemen, Sozialrecht und individueller Anpassung sind viele gut geschult im „Denken in Wechselwirkungen”. Das eignet sich besonders für Tätigkeiten im Sozial- und Gesundheitswesen, der Bildung oder Prozessentwicklung, wird aber auch in vielen anderen Bereichen immer mehr gefordert.
5. Neugier und lebenslanges Lernen Offenheit, neue Dinge zu lernen: Die Notwendigkeit zur beruflichen Repositionierung macht viele automatisch zu „lebenslangen Lernenden”.
6. Auch analytisches Denken und Führungskompetenz & Soziale Kompetenz bleiben wichtig – und viele MS-Betroffene entwickeln gerade durch ihre Erfahrung ein starkes Einfühlungsvermögen und soziale Kompetenz.
Menschen mit Behinderung als Leistungssteigerer
Auf dem Global Disability Summit 2025 in Berlin sagte mir Neil Milliken, VP & Global Head of Accessibility bei Atos, dass Menschen mit Behinderung aus seiner Erfahrung sehr kreativ sind, da sie in ihrem Alltag ständig herausgefordert werden, für neu auftretende Probleme passende Lösungen zu finden. Genau solche Menschen brauche man bei Atos, aber auch bei vielen anderen Unternehmen, die das noch nicht wissen. Das belegt auch eine aktuelle Studie aus dem Jahr 2023 von Accenture – dass nämlich gemischte Teams inklusive Menschen mit Behinderung tatsächlich besser performen.
Die Fakten
- Unternehmen, die bei Inklusion führend sind, übertreffen ihre Konkurrenten finanziell;
- Divers zusammengesetzte Teams erreichen nachweislich bessere Ergebnisse;
- Menschen mit Behinderungen bringen oft überdurchschnittliche Problemlösungskompetenz durch tägliche Anpassungsleistungen mit;
- Bei inklusiven Arbeitgebern besteht hohe Loyalität und niedrigere Fluktuation;
- Inklusion hat positive Auswirkungen auf das Unternehmensimage und die Arbeitgebermarke.
Technologische Möglichkeiten
- Assistive Technologien ermöglichen zunehmend barrierefreies Arbeiten;
- Remote-Arbeit und flexible Arbeitsmodelle erweitern Möglichkeiten erheblich;
- KI-basierte Unterstützungssysteme gleichen spezifische Einschränkungen aus.
Was Unternehmen konkret tun können
Die Überwindung von Vorurteilen und die aktive Einbindung von Menschen mit Behinderungen bietet eine Win-win-Situation. Konkrete Handlungsfelder sind dabei etwa die barrierefreie Gestaltung von Arbeitsplätzen und -prozessen, das Angebot von flexiblen Arbeitszeitmodellen und angepassten Aufgabenprofilen, der Aufbau einer inklusiven Unternehmenskultur und Sensibilisierung aller Mitarbeitenden, der Wissensaufbau bezüglich chronischer Krankheiten und Behinderungen sowie das Verständnis, diese Anpassungen nicht als Kostenfaktor, sondern als Investition zu verstehen.
Mission:Success! – ein Programm, das den Unterschied macht
Genau an diesem Punkt setzt ein aus meiner Sicht innovatives Programm an, das ich seit seinem Start vor einem Jahr persönlich als Teilnehmer begleite: Mission:Success! des Hildegardis-Vereins – gefördert von der gemeinnützigen Hertie-Stiftung. „Wir leisten einen Beitrag dazu, dass Menschen mit MS ihr Arbeitsleben nach ihren persönlichen Zielen und Wünschen gestalten können”, sagt Dr. Hannah Schepers, stellvertretende Vorsitzende des Hildegardis-Vereins. „Das Projekt gibt den Teilnehmenden die Möglichkeit, sich individuell weiterzuentwickeln, und es öffnet Räume für Erfahrungsaustausch, gegenseitige Stärkung und Beratung.”
Dieses Programm bietet dazu eine abwechslungsreiche Palette an Unterstützungsmaßnahmen: Trainings, Gruppencoachings, Peer-Gespräche und die „M:S-Talks”, in denen Themen rund um Arbeit und Karriere mit MS beleuchtet werden. Ein zentraler Bestandteil ist der Aufbau eines stärkenorientierten Netzwerks. Geleitet wird das Programm von zwei Expertinnen, die selbst MS haben: Karen Schallert und Rebecca Gerwert Vaz de Carvalho. „Mission:Success ist genau das Programm, das wir uns selbst vor Jahren gewünscht hätten”, sagen beide.
Meine persönlichen Erfahrungen als Teilnehmer der Pilotphase von Mission:Success!
Auch in diesem Projekt hat die Krankheit der 1.000 Gesichter wieder einmal gezeigt, dass alle Betroffenen eine eigene individuelle Situation und eigene Herausforderungen haben. Für mich persönlich war und ist der Austausch mit anderen MmMS die wichtigste Ebene und schönste Erfahrung. In einer kleinen Untergruppe richten wir zusätzlich zum offiziellen Programm von Mission:Success den Fokus besonders auf das Netzwerken mit und die Aufklärung von Unternehmen als Arbeitgeber. Wir hatten in dieser kleinen Gruppe schon spannende Termine mit großen Personaldienstleistern wie Hays und Adecco sowie Kontakte mit anderen Unternehmen, die uns bestätigt haben: Wir sind auf dem richtigen Weg – und es gibt besonders in Deutschland noch viel zu tun. Im letzten Arbeitstermin unserer Untergruppe haben wir das wie folgt formuliert:
„Wir als Betroffene wissen, welche Stärken Menschen mit MS für die Arbeitswelt der Zukunft mitbringen – und die internationale Studienlage belegt, dass gemischte Teams bessere Ergebnisse liefern. Mit unserer Mission:Sucess-Arbeitsgruppe wollen wir genau diese Erkenntnisse nun auch mehr Arbeitgebern und mehr relevanten Institutionen in Deutschland vermitteln.“
Ich bin sehr gespannt, was wir damit bewirken können, aber jetzt schon überzeugt, dass selbst der kleinste Schritt richtig und wichtig ist. In meinem nächsten Artikel werde ich mich ausführlich mit der Programmleiterin über die Erfahrungen aus der Pilotphase und die Weiterentwicklung des Programms austauschen.
Mein Fazit
Nach über 20 Jahren mit MS und vielen beruflichen Erfahrungen bin ich überzeugt: Wir müssen das Narrativ ändern. Weg von „trotz MS im Beruf” hin zu „mit MS-Skills im Beruf erfolgreich”. Die Studien belegen, was viele von uns längst wissen. Unsere täglichen Herausforderungen machen uns zu wertvollen Mitarbeitenden mit genau den Kompetenzen, die die Arbeitswelt der Zukunft braucht. Die Kombination aus der richtigen Unterstützung (flexible Arbeitsmodelle, Verständnis, Anpassungen), den richtigen Rahmenbedingungen (keine finanziellen Zwänge, Zugang zu Sozialleistungen) und der Erkenntnis, dass gemischte Teams besser performen, kann einen Paradigmenwechsel einleiten.
Ich finde, das sind gute Nachrichten zum Weiterverbreiten. Und ich freue mich, wenn wir gemeinsam dafür etwas schaffen. Wie sind eure Erfahrungen im Beruf mit MS? Schreibt mir gerne.
Quellen
- Accenture 27.11.2023. Companies that lead in disability inclusion outperform peers financially, abrufbar im Internet unter newsroom.accenture.com/news/2023/companies-that-lead-in-disability-inclusion-outperform-peers-financially-reveals-new-research-from-accenture.
- Hildegardis Verein. Mission:Success! Erfolgreich im Beruf mit MS, abrufbar im Internet unter hildegardis-verein.de/projekte/mission-success.
- Jurado Caraballo, M.A./Quintana-Garcia, C. 2025. Disability inclusion in workplaces, firm performance, and reputation, abrufbar im Internet unter www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0263237324000951.
- Navani, A./Atay, A./Fitzmaurice, J. 2025. No compromises – Supporting people with MS to thrive in and out of work, abrufbar im Internet unter www.lancaster.ac.uk/media/lancaster-university/content-assets/documents/lums/work-foundation/reports/WF_MSSNoCompromises-SupportingpeoplewithMStothriveinandoutofwork.pdf.
- Saidov, A. 22.12.2022. How business leaders can make a talent-first transition, abrufbar im Internet unter www.forbes.com/councils/forbestechcouncil/2021/12/22/how-business-leaders-can-make-a-talent-first-transition/.
- World Economic Forum 2025. The Future of Jobs Report, Skills outlook, abrufbar im Internet unter www.weforum.org/publications/the-future-of-jobs-report-2025/in-full/3-skills-outlook/.
- Zheliabovskii, R. 13.10.2025. How disability inclusion strengthens organizations’ workforces, abrufbar im Internet unter www.shrm.org/topics-tools/employment-law-compliance/how-disability-inclusion-strengthens-organizations.