Von Christian Wingrove-Rogers, Blickpunkt 01/2021

Die Nacht brach langsam herein. Von der Straße aus konnte die Reisende eine kleine, marode gewordene Hütte erkennen, die fast vollständig durch einen gewaltigen Vogelbeerbaum verdeckt wurde. Durch die zerbrochenen Fensterscheiben sah sie eine Kerze flackern und beschloss, dem schmalen Weg hinunter zur Hütte zu folgen.

Trotz der Dämmerung fand sie ihren Weg zu der ärmlichen Behausung mit traumwandlerischer Sicherheit.

Auf ihr Klopfen hin erhob sich im Inneren langsam ein Mann, schlurfte zur Tür und öffnete sie. Vor ihm stand – in einem viel zu großen Wollmantel, ein Bündel über den Schultern und ein Filzhut auf dem Kopf – eine gebückte Frau, deren Augen in ihrem schmalen Gesicht unnatürlich groß wirkten.

Beide sprachen kein Wort, bis die Frau eingetreten war und die Tür hinter sich geschlossen hatte.

„Komm, setzen wir uns an den Kamin“, lud er sie ein und füllte bedächtig eine weitere Tasse mit dem heißen Tee, der in einer Kanne über dem Feuer brodelte. Dann ließ er sich auf einem Strohsack nieder, lehnte sich an die warme Kaminwand und schaute die Frau erwartungsvoll an.

„Zu einer Zeit, als das Gras noch dort wuchs, wo sich heute die Straßen der Stadt drängen“, so begann sie zu erzählen, „und die Vögel noch dort flogen, wo heute aus Fabrikschloten der Rauch quillt, lebte ein armer Zimmermann.”

Der starke Tee verfehlte seine Wirkung nicht. Die Stimme der Frau gewann an Kraft, hallte durch den Raum, und durch ihre Worte entstanden kraftvolle Bilder, denen sich der Zuhörer nicht zu entziehen vermochte. Erinnerungen an ein Leben, wie es einst gewesen war, stiegen langsam auf, erfüllten den Mann mit einer wundersamen Ruhe und nahmen ihn mit auf eine Reise in seine eigene Vergangenheit.

Die Geschichte kam ihm bekannt vor – als hätte er sie schon einmal gehört, als er noch ein Junge gewesen war oder später vielleicht, als er mit Freunden, die es heute längst nicht mehr gab, nach einem langen mühevollen Arbeitstag auf dem Feld zusammenzusitzen pflegte. So ganz genau konnte er sich nicht mehr erinnern, wo es gewesen war – die Worte aber hatte er nie vergessen.

Worte, die die Frau jetzt so aussprach, als wäre sie dabei gewesen, zu einer Zeit, als das Gras noch dort wuchs, wo heute Kopfsteinpflaster liegt.

Es war still geworden, und langsam kehrte er in die Gegenwart zurück. Er sah sich im Raum um und bemerkte, dass die Frau sich in ihren Mantel eingewickelt hatte und an ihrem Platz eingeschlafen war.
Er legte zwei große Scheite Feuerholz nach und ging zu seiner Schlafmatte in der anderen Ecke des Raumes.

Der nächste Morgen graute, und die Hähne begannen ihr übliches Konzert. Als ihm die Sonne schließlich warm ins Gesicht schien, setzte er sich auf, schob die Decke von seinem Körper und zog ein oft geflicktes altes Wolljackett über, an dem schon lange der einzige Knopf fehlte.

Seine Augen brauchten einen Moment, um sich an das neue Licht zu gewöhnen. Dann stieg er in seine Stiefel und ging in den Hof, um die Hühner herauszulassen. Kurze Zeit später kam er zurück, die Haare und der Hals tropfnass von kaltem Wasser und die Hände voller frisch gelegter Eier.

Als er das Feuer am Kamin wieder schüren wollte, bemerkte er, dass der Platz, an dem die Frau gesessen und geschlafen hatte, jetzt leer war. Aber das hatte er erwartet.

Das Wasser im Kessel begann zu dampfen, und so füllte er seine Teekanne, nahm die zwei Eier, die er im Kessel gekocht hatte, in seine Hände und setzte sich auf seinen Stuhl.

Er fühlte etwas Ungewöhnliches, Hartes, griff mit einer Hand unter sein Bein und zog einen kleinen Beutel hervor. Darin fand er eine Goldmünze, drei getrocknete Bohnen und einen Knopf.

 

Von Christian Wingrove-Rogers, Blickpunkt 04/2020

Von Christian Wingrove-Rogers, Blickpunkt 03/2020

Von Christian Wingrove-Rogers, Blickpunkt 02/2020

Von Christian Wingrove-Rogers, Blickpunkt 04/2019