Von Christian Wingrove-Rogers, Blickpunkt 02/2021

Als das Boot endlich fertig war, sich alle Einzelteile an ihrem Platz befanden und die blaue Linie, die an den Längsseiten verlief, sorgfältig aufgemalt worden war, konnten die Vorbereitungen für die erste Fahrt beginnen.

Ein ganzes Boot aus einem Bausatz zu fertigen, war für meinen Onkel – einem von Natur aus sehr gründlichen Mann – mehr als nur ein Hobby gewesen. Da er tagsüber nach wie vor zur Arbeit ging, kam er entsprechend langsam voran. Er ließ sich dabei allerdings auch nicht helfen, obwohl wir alle mehrfach angeboten hatten, ihm unter die Arme zu greifen.

Aber jetzt war es endlich geschafft. Nach einer gefühlten Ewigkeit auf seinem Platz im Garten wartete das Boot nun am Strand darauf, von uns allen zu Wasser gelassen zu werden. Es war zwar ein kleines Boot, sollte aber vier Personen bequem Platz bieten, so versprach es zumindest der Hersteller.

Man sollte meinen, dass ein Boot vornehmlich unter günstigen Wetter- und Strömungsverhältnissen zu Wasser gelassen werden darf, doch mein Onkel sah das anders. Gerade für dieses lange Wochenende hatte nämlich ein abenteuerlustiger Freund seinen Besuch angekündigt – dem widrigen Wetter zum Trotz also eine sehr günstige Gelegenheit für ein solches Unterfangen. Den Ausschlag gab letztlich allerdings meine Tante, die eindringlich dafür geworben hatte, dass der Unrat, der sich im Verlauf der Konstruktionszeit in ihrem Garten angehäuft hatte, endlich seiner Bestimmung zugeführt wurde.

Im Gegensatz zu meinem Onkel war ich direkt am Wasser aufgewachsen und wusste, dass das Meer, die Gezeiten und die Wellen bei Segel-Expeditionen eine nicht unerhebliche Rolle spielten. Er aber hatte nur Augen für sein Boot, das ihn an die Miniaturmodelle der Autos und Züge erinnerte, die er als Kind auf imaginären Straßen und Gleisen hin und her manövriert hatte.

Und so bekam er seinen Willen. Mein Vater und der Freund meines Onkels schoben, entsprechend ausstaffiert, mit vereinten Kräften das Boot vom Heck aus ins Wasser. Mich hatten sie zuvor auf die kleine Bank im Bug gesetzt, von wo aus ich die Szenerie gut beobachten konnte, ohne den anderen im Weg zu sein. Mein Onkel begnügte sich in der Zwischenzeit damit, hier ein Tau zu lösen und dort ein anderes fester zu ziehen. Er wirkte dabei sehr stolz, so als wüsste er ganz genau, was er da tat.

Als Letzter ließ sich mein Vater in das Boot fallen, und wir nahmen Fahrt auf. Gespannt schauten wir auf das Meer – jenseits der ersten Wellen, die nun vor uns auftauchten.

Es war Ebbe, was bedeutete, dass die Wellen sich im flachen Wasser zunächst gemächlich über den sandigen Meeresboden ausbreiteten, dann aber stetig an Kraft und Intensität gewannen, je tiefer das Wasser wurde. Unser Boot verfügte zwar über einen Kiel, den man für solche Anlässe durch einen Schlitz im Bootsinneren anheben oder ablassen konnte, für diese Aufgabe schien sich aber niemand verantwortlich zu fühlen.

Und so kam, was kommen musste. Das Boot drehte sich und war den Wellen voll ausgesetzt. Einen Augenblick später kenterten wir auch schon, ich flog im hohen Bogen durch die Luft und fand mich allein im tosenden Wasser wieder.

Ich war ja nur ein Kind und hatte keine Ahnung, was eigentlich passiert war. Ich wusste nur, dass es sich schrecklich anfühlte, und begann instinktiv, nach meinem Vater zu suchen. Und da sah ich ihn vor mir, sah, wie sein Kopf im Wasser auf- und niederwippte und wie sich der Bootsrand im Zeitlupentempo auf seinen Kopf zubewegte.

Ich schrie aus vollem Hals und begann zu strampeln. Einen Schuh hatte ich bereits verloren und merkte, wie sich auch die Socke langsam vom Fuß löste. Auf einmal hörte ich eine Stimme, die sich vom Tosen der Wellen abhob. Als mir klar wurde, was die Stimme sagte, tat ich wie geheißen.

„Stell dich hin.“

Augenblicklich fanden meine Füße auf dem sandigen Grund Halt. Das Wasser reichte mir gerade so bis zur Brust. Weder war das Wasser so tief noch war die Gefahr so groß gewesen, wie ich es empfunden hatte. Und mein Vater hatte sich auch nur geringfügig verletzt. Das Boot aber war Geschichte: Es landete wieder im Garten, wo es zum Ärger meiner Tante bis heute liegt.

Ein paar Tage später fand ich meinen Schuh am Strand.

 

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